„Shut It Down“: Zwangspause im WUK

WUK

Wie auch jede andere Location zwischen Wien und Bregenz musste auch das WUK pandemiebedingt die Tore schließen. Nun sperrt es wieder teilweise auf. Ein Gespräch mit Musikchef Hannes Cistota.

Foto: Wolfgang Thaler

Vor gut zwei Monaten wurde in Österreich der komplette Kulturbetrieb temporär eingestampft – wohlgemerkt ein Kulturbetrieb, der über die starre Klassifizierung, die überaus streng-konservative grün-schwarze Sicht der Dinge „Salzburger Festspiele, Museen und Bundestheater“ hinausgeht: Auch Rock, Indie, Hip-Hop und Artverwandtes, das ansonsten beinahe tagtäglich etwa im Wiener WUK passiert, ist tatsächlich und nicht nur vielleicht und gnädigerweise Teil des kulturellen Treibens und einer gleichermaßen individuellen wie kollektiven Freude.

Hätte also im vergangenen Winter nicht ein unbedarfter Mitarbeiter eines chinesischen Labors in Wuhan in einem unüberlegten Gedankenzug seine Katze eines Tages mit ins Büro genommen und hätte diese nicht, so wie es Katzen nun mal gerne tun, mit Samtpfoten eine der mit „COVID-19“ beschrifteten Phiolen vom Tischrand gefegt, hätte ich seit Mitte März im Backsteinbau an der Währingerstraße schon einiges an Kultur livehaftig erlebt: Josh. etwa, oder auch Selig, Conan Gray, Ziggy Alberts und Uncle D. Und ich hätte natürlich auch 15 Jahre Siluh Records gefeiert – gemeinsam mit unter anderem den fantastischen Dives und Culk.

Natürlich, all diese Konzerte werden früher oder später nachgeholt werden können – Siluh, das ist bereits festgelegt, feiert nun am 25. Februar -, doch meine persönliche Beschneidung ist passiert. Doch abgesehen davon, dass für Musikfans wie mich natürlich ein Entzug ihrer Leidenschaft schwer wirkt, für Veranstalter und Veranstaltungshäuser bedeuten monatelange Schließungen eine mehr als prekäre Situation. Hier steht nicht nur die Unterhaltung (die letztlich „nur“ lebens-, aber nicht überlebensnotwendig ist), sondern tatsächlich Existenzen auf dem Spiel – doch lassen wir Hannes Cistota, Musikchef im WUK, hinter die Kulissen blicken.

Hannes, als auch deine Location vor etwa zwei Monaten behördlich geschlossen wurde, was waren da die ersten Gedanken, die durch deinen Kopf schossen?

„Das kann doch nicht wahr sein!“ Es war ein wenig, wie wenn du einen Alptraum hast und du wachst nicht auf. Manchmal denke ich mir jetzt noch: „Das ist doch ein blöder Traum.“

Und die ersten Schritte? Was galt es da, in den ersten Tagen und Wochen zu bewältigen?

Die ersten Tage wurden mit Bangen und Hoffen verbracht, da die Lage am Anfang sehr unübersichtlich war. Ein befreundeter Pharmazeut hat mir jedoch schnell die Ernsthaftigkeit der Lage klar gemacht. Da wusste ich, das wird uns noch länger beschäftigen. Anfangs wurden die Shows in den Sommer verschoben. Jetzt verschieben wir bereits in das Jahr 2021.

Das WUK ist nicht nur Austragungsort für externe Veranstalter, sondern hie und da auch selbst Veranstalter. Macht das, in so einer Situation, einen gravierenden Unterschied?

Nein. Vermietungen, Kooperationen und Eigenveranstaltungen sind gleichmäßig schlimm betroffen.

Im WUK sind eine Vielzahl an Mitarbeitern beschäftigt, angefangen von dir über die PR-Abteilung, bis hin zur Technik und dem Security- und Barpersonal. Was ist der aktuelle Status Quo?

Wir haben Personal in Kurzarbeit geschickt, wo es möglich war und Sinn gemacht hat. Außerdem hoffen wir, dass externe Firmen, mit denen wir im Rahmen von Licht-, Ton- und Security-Diensten zusammenarbeiten, diese nun schon lange dauernde Ausnahmesituation des Verdienstentgangs gut überstehen.

Das WUK ist nicht nur Konzertlocation, sondern Begegnungszone vielerlei Natur: Kannst du da einen kurzen Überblick geben, welche Sozialleistungen hier temporär verlustig gingen?

Das WUK ist einer allgemeinen Öffentlichkeit vor allem für seine Kulturveranstaltungen bekannt. Die meisten Mitarbeiter_innen arbeiten aber im Bereich Bildung und Beratung. Hier wurde auf telefonische und webbasierte Beratung umgestellt. Das Haus hatte wochenlang geschlossen und daher konnten unzählige Musik- und Theater-Proberäume nicht genutzt werden. Die Schulen und Kindergruppen waren ebenfalls zu oder im Notbetrieb – um nur ein paar Beispiele zu geben.

Viele Unternehmen konnten Unterstützungen vom Staat beantragen. Auch das WUK?

Abgesehen von der schon angesprochenen Kurzarbeit sind wir spartenweise und durch eine Basisförderung von Stadt und Bund subventioniert. Dadurch sind wir im ständigen Austausch mit den Subventionsgebern, auch zur Frage, wie wir diese Krise überstehen können.

Das WUK stand – vor dem Shutdown – vor einem dringlichen Renovierungsprozess. Wurde der jetzt vorgezogen oder, aus Geldgründen, aufgeschoben? Wird der Leerlauf produktiv genutzt?

Eine für März anberaumte Generalversammlung des Vereins zu diesem Thema konnte coronabedingt nicht mehr stattfinden. Vonseiten der Stadt Wien wurde uns eine Unterstützung für die Sanierung im Rahmen eines Mietvertrages in Aussicht gestellt. Die Generalversammlung holen wir im Sommer virtuell nach, dann können wir auch mehr zu dem Thema sagen. Wir sind aber zuversichtlich, dass der Prozess weitergehen kann.

Über Zahlen spricht man in der Kulturbranche selbstverständlich nicht so gern, aber: Konnten in den letzten Jahren Rücklagen gebildet werden? Oder anders gefragt: Wie lange hielte das WUK eine Schließung oder einen unwirtschaftlichen Minimalbetrieb durch?

Das WUK wirtschaftet sehr gut, das wurde uns vonseiten des Stadtrechnungshofes erst kürzlich erneut bestätigt. Trotzdem ist die Situation, wie für andere Akteure des Kulturbereichs auch, eine riesige Herausforderung. Wir sind daher auf die Unterstützung unserer Community angewiesen und bitten unsere „WUK Freund_innen“, mit uns im Rahmen einer Fördermitgliedschaft diese schwierige Zeit zu überbrücken. Außerdem experimentieren wir mit kleinen Maßnahmen wie dem Barbetrieb im Innenhof und warten auf die Vorgaben der Politik, um im Saal kleinere Veranstaltungen machen zu können.

Foto: Wolfgang Thaler (Archivfoto vor Corona)

Vom beruflichen ein kurzer Sprung in deine Privatwelt: Als Musikconnaisseur hast du wohl auch als Konzertbesucher Verluste zu beklagen gehabt. Welche Events hast du besonders schmerzlich aus deinem Kalender streichen oder verschieben müssen?

Als Mitglied der „Church of Cave“ wäre ich in einer kleinen Pilgergruppe zum Europa-Tourauftakt von Nick Cave nach Lissabon geflogen und hätte ihn mir auch in Paris und am Ende in Wien angeschaut. Die Karten werden aufgehoben und in stillen Stunden traurig angeschaut. Auch tut es mir sehr leid um das Nichtsehen von Angel Olsen in Budapest und Iggy Pop in Clermont-Ferrand, sowie Einstürzende Neubauten in der Wiener Arena.

Erst, nachdem wir bereits mehrere Wochen in der Krise steckten, gab die mittlerweile designierte Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek eine – man muss es so formulieren – historische Pressekonferenz. Wie so viele Branchenvertreter hast auch du selbige mitverfolgt. Dein Resümee?

Vielleicht war es eine Performance und wird später als Video im Museum Of Modern Art ausgestellt?

Du bist nicht nur mit heimischen Branchenvertretern, sondern auch europaweit bestens vernetzt: Wie ist das Bild der Kulturlandschaft in anderen Ländern, was passiert dort, um die Krise gemeinsam zu überstehen?

Wir sind in mehreren Netzwerken vertreten und tauschen uns dieser Tage über Zoom-Konferenzen aus, auch schicken wir uns Konzepte über das Möglichmachen von Konzerten. Es sieht in ganz Europa ähnlich schwierig aus, noch schwieriger scheint es in Italien zu sein, wo es kaum Diskussionen über ein Wiederöffnen der Venues gibt.

Ein erster und wichtiger Schritt der Bundesregierung war die „Gutscheinlösung“, die in erster Linie dazu dient, die Branche vor einem kompletten Kollaps zu bewahren: anstatt eine Geldrückerstattung für verschobene Veranstaltungen erhalten Kunden nun auch je nach Kartenwert Gutscheine ausgehändigt. Was wäre deine Antwort auf die Frage von Otto und Ottilie Normal: „Was interessiert mich das?“

Da die Konzertbranche mit sehr viel Geld in Vorleistung tritt, wird die Gutscheinlösung für größere Veranstalter die einzige Variante sein, um liquid zu bleiben. Wer in Zukunft wieder Konzerte sehen will, sollte dies als hilfreiche Variante verstehen, die Branche über die Krise zu retten.

Was mich mehr schockiert als das Versagen der Politik: Dass anscheinend die Kulturbranche keine prominente oder zumindest lautstarke Lobby hat, und das, obwohl jeder von uns täglich Kultur genießt – von Andreas Gabalier bis zur Zauberflöte. Warum?

Es gibt tatsächlich viele Netzwerke, aber die Kulturbranche ist kleinteilig und arbeitet mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen, so dass eine Vereinheitlichung schwierig ist, wie man jetzt sieht. Wie so oft braucht man Solidarität außerdem erst in der Not. Uns ist aufgefallen, dass wir international besser vernetzt sind als national. Unter anderem auch darum beginnen wir im WUK gerade damit, zunächst informell Musikvenues in Wien und Österreich zu vernetzen, um eine derartige Struktur aufbauen und mit einer starken Stimme sprechen zu können.

Es kursieren nun zahlreiche Ideen – oft gar oder halbgar – durch den Raum, unter welchen Voraussetzungen wieder veranstaltet werden könnte, etwa mit Mindestabstand, mit Mundnasenschutz oder ohne Barbetrieb. Was davon ist in deinen Augen realistisch, insbesondere in einem Haus, das zuvörderst Stehplatzkonzerte abhält?

Wenn ich an Konzerte denke, leben diese von dem gemeinsamen Erlebnis. Wer schon jemals in der Nähe eines Moshpits war, wird all diese Maßnahmen für unrealistisch halten. Das ist die Schwierigkeit.

Anders: Hast du, als Mann vom Fach, Lösungsansätze parat? Wie könntest du dir einen Interims-Betrieb vorstellen?

Am Beginn könnte man sicher bestuhlte Veranstaltungen möglich machen, man könnte mit personalisierten Tickets die Ansteckungsgefahr rückverfolgen, oder auch, wie in vielen Museen üblich, Slots vergeben.

Wann rechnest du zum jetzigen Zeitpunkt mit dem ersten Event in deinem Haus?

Onlinestreamings finden ja bereits statt, aber erste Shows mit Publikum werden wohl noch dauern, hoffentlich im Herbst.

Wird, in den ersten Tagen und Wochen, die heimische Musikszene einen Aufwind genießen? Immerhin hieß es auch in anderen Branchen, auf Österreichbezug zu achten. Und wenn ja: Wird aus der Not auch eine Tugend?

Wir haben traditionell einen hohen Anteil an österreichischen Bands und sind hier gern gebuchtes Haus für Release-Shows. Größere österreichische Bands verschieben allerdings ihre Veröffentlichungen auch bereits ins Jahr 2021.

Glaubst du, werden sich die Menschen wieder in Menschenmassen trauen? Wird es die „Crowd Energy“ nach der ersten Schockstarre wieder geben?

Das wird schnell gehen, wenn die Fallzahlen noch weiter runter gehen und ein gewisses Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung einsetzt, siehe Kleinwalsertal.

Ab wann rechnest du in deinem Haus – das zumindest nicht zur Größenordnung „Großevent“ zählt – wieder einen Normalbetrieb in allen Belangen?

Das wird wohl erst wieder nach der erfolgreichen Einführung eines Impfstoffes sein und das dauert ja nach Ansicht der Expertinnen bis 2021.

In wie weit wird man dauerhaft – Impfstoff hin oder her – gewisse Eigenarten der Branche überdenken müssen?

Es wird wohl über den Einlass nachgedacht werden müssen und über gewisse neuralgische Punkte, Garderobe usw.

Livestream-Konzerte waren in der COVID-19-Anfangsphase ein heißes Thema. Wird man diese „Besuchs“-Quelle als Zusatzmöglichkeit auch nach der Krise vermehrt nutzen, etwa für ausverkaufte Shows, derer ja auch das WUK oft zu vermelden hat?

Das Streaming ist zurzeit die einzige Möglichkeit, mit dem Publikum direkt in Kontakt zu treten. Sicherlich wird dies noch länger bleiben und ausgebaut werden. Es kann ein unmittelbares Konzerterlebnis allerdings nicht ersetzen.

Dass die Branche aktuell, da muss man nichts schönreden, in Trümmern liegt, ist schwerlich zu übersehen. Kann man aus den Trümmern etwas machen?

Ja, Konzerte wird es geben, auch nach dem Virus oder mit dem Virus, die Menschen wollen seit 45.000 Jahren Musik machen. Konzerte sind mehr als nur ein Musikerlebnis. Der Wunsch nach einer gemeinsamen Zeit wird bleiben.

Die Situation in der Kulturbranche war schon vor der Krise an manchen Ecken und Enden prekär: Welche neue alte Normalität würdest du dir wünschen?

Ich brauche keine neue Normalität, die alte war mir sehr lieb.

Ein letzter Blick in die Zukunft: Wer könnte nach dem Rücktritt von Ulrike Lunacek ihr Nachfolger werden – und muss aus dem Staatssekretariat wieder ein Ministerium werden?

Die Kunst und Kultur ist in ganz Europa ein riesiger Wirtschaftsfaktor, so wurden die Kunstangelegenheiten in Frankreich zur Chefsache und von Emmanuel Macron direkt übernommen. Ob ich mir das in Österreich wünsche, da muss ich wohl noch mal drüber schlafen. Aber aus dem Staatssekretariat ein Ministerium zu machen halte ich auch als Signal für die vielgepriesene Kulturnation eine gute Idee.

Konzertiert wird im WUK zwar noch nicht, aber getrunken werden darf schon: Im Rahmen von „Bin hinten!“ hat nicht nur das Statt Beisl sondern auch die Bar im Innenhof offen, und zwar Mittwoch bis Samstag von 17:30 Uhr bis 22:30 Uhr (bisschen un-rocknrollig nur bei Schönwetter).

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