Slipknot: der Leatherface des Nu Metals

Slipknot

„We are not your Kind“, das sechste Album von Slipknot, ist barbarisch: Es ist ein dröhnender, entsetzlicher Urschrei, der gerade von seiner hitzigen Misanthropie lebt – nicht viel geringer als dereinst das Debüt und „Iowa“.

Foto: Alexandria Crahan-Conway

Die Wände sind beige, eine Flagge von Slayer – ein von einem aus Schwertern bestehendem Pentagramm aufgespießter Totenschädel, von dem schlabberige Hautfetzen baumeln; darüber das ikonische Bandlogo – hängt an der Schräge über dem Bett. Die Wände sind gepflastert mit Postern, die vornehmlich dem Legacy oder dem Ablaze entnommen worden sind: Mayhem, Cannibal Corpse, Metallica, Pungent Stench, Marduk, Vader, Morbid Angel, Sepultura und viele mehr starren grimmigen Blickes ins Jugendzimmer, die großformatigen Bilder sind dicht an dicht platziert – von der ursprünglichen Wandfarbe sind letztlich nur mehr Streifen ersichtlich. In der Stereoanlage rotiert gerade eine infernalisch donnernde Un-Musik, wie es meine Mutter – während mein Vater enerviert mit den Augen rollte – gerne nannte, sodass in der darunterliegenden Küche die Gläser klirren: Dereinst hoffte sie noch, meine ungestüme Liebe zum Death, Black und Thrash Metal sei nur eine rebellische Phase, wie sie alle Kinder irgendwann einmal durchlaufen. Spoiler: Weit gefehlt.

Es ist dies ein intimer Einblick 20 Jahre zurück in meine eigene Vergangenheit. Bei den Mitschülern hingegen stand der Nu Metal hoch im Kurs, die Hosen hingegen hingen tief, die Hemden waren kariert und weit geschnitten, man trug Dreadlocks – und nach Nirvana hießen die neuen Helden System Of A Down, KoRn, Slipknot, Deftones oder Linkin Park, Rammstein befanden sich gerade am aufsteigenden Ast. Nu Metal, das war damals die logische Fortsetzung von Crossover, es ging im Kern um die Verbindung von Rap und Metal, um die Verbindung von Black Music und dem dann doch ziemlich weißen Metal. Es kamen der Groove, der präsente Bass, die Gitarren wurden als Rhythmusinstrument eingesetzt, ein stetes Hacken. Lächerlicher, weichgespülter Müll für mein jugendliches Rabauken-Ego, das trotz herausragender Noten auch zweimal in der Direktion vorstellig werden durfte: Einmal, weil ich ein T-Shirt trug, auf dem eine entblößte Nonne mit einem Kreuz intime Fürbitte leistete. Und einmal, weil mein T-Shirt eine in Stacheldraht gewickelte Leiche zeigte, mit aufgeplatztem Magen und wohlfeil drapiertem Mageninhalt: Gedärme, umworben von hungrigen Maden – davor der abgehackte Penis.

Rückblickend betrachtet kann man vielleicht philosophisch argumentieren: Was Rafiki wenige Jahre zuvor im Disney-Klassiker „Der König der Löwen“ besang, nämlich den „Circle of Life“, war damals meine musikalische Klammerstellung – von (teils absurden) Sexualpraktiken bis hin zum ausufernd beschriebenen Tod in all seinen Variationen. Und gerade Maden, die vom Tod leben, sich am Tod laben, hatten es mir insbesondere angetan: So sehr, dass ich einige Zeit lang sogar das hörbare Rauschen, das Madenteppiche beim Zersetzen von Kadavern von sich geben, als gustiösen Handy-Klingelton hatte. Mit Maden fingen mich dann in einem schwachen Moment auch Slipknot – bezeichnete ihr damaliger Schlagzeuger Joey Jordison ihre teils fanatischen Fans immerhin als selbige, und so ließ ich mir von einem musikalisch aufgeschlosseneren Freund die im Sommer 2001 gerade neu erschienene „Iowa“ auf Kassette überspielen (so funktionierte das damals). Das lärmige Intro klang nicht unähnlich jener der von mir favorisierten Bands wie Dead Infection und Mortician, nämlich nach einem gequält blökenden Menschen, dessen Magendarmtrakt gerade rektal ausgestülpt wird. Im Anschluss dann ohne Umschweife „People=Shit“, das von Anbeginn an klarmacht: Nach dem vergleichsweise zahmen Debüt haben sich die Clowns – ein weiter Sympathiepunkt, haben mir doch zahlreiche Social-Media-Tests verraten: Wäre ich ein Serienmörder, wäre ich höchstwahrscheinlich John Wayne Gacy. – aufs Ausweiden spezialisiert, und die Blutspur zog sich durchs Album.

Seitdem sind die Jahre ins Land gezogen, ich bin zwar seit damals musikalisch einen Tick aufgeschlossener geworden, aber die Madengrube ziert immer noch meine Haut – und mein Ohr: Slipknot sind zwar folgend immer größer, immer populärer geraten, während der Nu Metal sich damals schon auf seinem auslaufenden Zenit befand. Aber an die Härte, an die rohe Gewalt, an den Kopfschmerzen verursachenden Krach haben sie seit ehedem nie wieder anschließen können. Bis heute: Mit „We are not your Kind“ steht ab Freitag der sechste Longplayer in den Plattenläden.

Ja, Slipknot sind nicht mehr die wahnwitzigen Hinterwäldler, die sozialen Außenseiter von damals: Heute sind sie End-Vierziger, zudem sind Ur-Schlagzeuger Joey Jordison und der phallische Dicknose (Chris Fehn, Percussions) bereits gegangen, Gründungsmitglied und Bassist Paul Gray erlitt 2010 eine tödliche Überdosis – Sänger Corey Taylor hingegen ist zum A-Promi gereift, zu einer millionenschweren Berühmtheit geworden. Und doch haben sie sich mit „We are not your Kind“ nicht nur der juvenilen Wut wiedererinnert, sondern sie stellenweise auf ein ähnliches Level wie damals erneut hochgepeitscht: Das mag am Tod von Gray liegen, oder auch am Tod von Shawn „Clown“ Crahans 22-jähriger Tochter Anfang des Jahres. Oder es mag Zeitgeist sein – auch „The Nothing“ von KoRn ist überraschend hart geraten. Oder es ist, wie so oft in der Musik, einfach nur Zufall. Sei es wie es sei, nach drei Platten, die sich dauergewellte Hausfrauen auch durchaus beim Bügeln zu Gemüte führen konnten, ist „We are not your Kind“ ein entsetzlicher, unheimlicher Tauchgang in die dampfend-stinkenden Eingeweide der Band, brennend vor Misanthropie und Ungemach.

Bereits das einleitende „Insert Coin“ ist eine Klanglandschaft, die das programmatische Unheil verspricht: „I’m counting all the killers“, warnt Taylor da. Und von da an geht es ohne viele Umschweife in die blutbefleckte Zielgerade, die am Ende einer kopflosen Amokfahrt steht: Angefangen beim rasenden „Unsainted“, das anfänglich noch mit einem lichten Kinderchor Friede, Freude und Eierkuchen verspricht, bald aber zu einem maliziösen Donnergrollen heranreift. Hierauf das klaustrophobische „Birth of the Cruel“, das mit seinem mechanischen Duktus neben „Orphan“ vielleicht am stärksten wie ein Rückbezug auf die Band um die Jahrtausendwende klingt – ähnlich auch das nur wenige Stücke später hämmernde „Red Flag“, ein Madenköder durch und durch, der mit seinem blind stiebenden Testosteronüberschuss an eine sich in sämtlichen Körperflüssigkeiten suhlende Orgie – dampfend, stöhnend, lärmend, vor blinder Wut und gierender Liebe forsch geifernd – denken lässt. Doch es ist zuvörderst die an Pink Floyds „The Wall“ angelehnte Dramaturgie mit den ruhigen Zwischentönen, etwa das liebliche „A Liar’s Funeral“, „Spiders“ mit seinem an „Halloween“ erinnernden Klaviergeklimper, „Death Because of Death“ – eine plappernde Klangcollage –, die Intermezzi während des knirschenden „Critical Darling“, oder auch der gelungen weit ans Ende platzierte Albtraum „My Pain“, ein Kinderreim aus atonalem Glockenspiel und dem untergründigen, repetitiv konterkarierend gesungenen Wort „Love“, die das Album zu einem klanglichen Pendant von „The Texas Chainsaw Massacre“ gereichen lässt: So wirken Slipknot wie auch Leatherface ein bisschen tölpelhaft, tollpatschig und verpeilt – aber knechten und in zwei oder mehr Teile werden sie ihre Lebendbeute dennoch zerficken.

Ja, Slipknot sind anno 2019 vielleicht reifer und nicht allein in einer blinden Wut wütend, doch sie sind in ihrem Wahn effektiv und trunken vor Ekel und bitterem Nihilismus wie ehedem, schaffen den heiklen Spagat zwischen roher, wie ein Sturmfeuer prasselnder Aggression auf der einen, und in falscher Sicherheit wiegender Lieblichkeit, die aus wohlgeformten Melodien ihre Kraft schöpft, auf der anderen Seite. Kennen Sie den Spielfilm „Scanners“ von David Cronenberg aus dem Jahr 1981? In ihm gibt es die ikonische Szene, wo bild- und blutgewaltig ein Kopf explodiert – nicht unähnlich frisst sich auch „We are not your Kind“ über Hammer, Amboss und Steigbügel hinweg in die graue Masse, bringt sie zum Pulsieren, zum Pochen und zum Pumpen – bis sie aus Augen, Nase und Ohr ausströmt und mit beißendem Gestank die Maden anlockt. Und ja, wir dürfen den juvenilen Taylor zitieren, der im eingangs angesprochenen „People=Shit“ verachtend grollte: „Here we go again, motherfuckers.“

„We are not your Kind“ erscheint am 9. August. Ein Wien-Termin für 2020 ist ebenfalls bereits angekündigt. Der Ticketalarm von oeticket.com informiert, sobald der Vorverkauf startet!