Stefanie Sargnagel ist „Dicht“

Sargnagel

Nach ihren „Statusmeldungen“ veröffentlicht Stefanie Sargnagel nun ihren Debütroman „Dicht“ und taucht hierin ein in das versiffte, nicht selten perspektivenlose Wien der Neunziger.

Für viele ist die Wiener „Anarchopoetin“ Stefanie Sargnagel, die bürgerlich nicht weniger cool „Sprengnagel“ heißt, ein rotes Tuch – fast so wie ihre knallrote Baskenmütze, die lange Zeit ihr Markenzeichen war. Mit ihren Facebook-Einträgen, die gesammelt etwa 2017 bei Rowohlt erschienen, erregte sie regelmäßig Gemüter, insbesondere von Männern. Sie schienen sich von Sargnagels „Gosch’n“ direkt angegriffen – so etwa auch Autor Thomas Glavinic, der ätzte, Sprengnagel sei ein „sprechender Rollmops“ und eine „talentfreie Krawallnudel“.

Zugegeben, die Bezeichnung Krawallnudel ist vielleicht nicht schmeichelhaft, liegt aber nicht so weit von der Wahrheit entfernt: Sargnagel bürstet nicht nur in Wort, sondern – etwa im Falter – auch in Bild gern gegen den Strich und das erschwert den Zugang zu ihr, zumindest als Kunstfigur. Dass die Kunstfigur aber vielleicht vom Menschen dahinter nicht so weit entfernt ist, vielleicht gar nur eine Replik, das deutet ihr autobiographisch geprägter Coming-of-Age-Roman „Dicht“ an: Nach ihren zugespitzten Alltags- und Gegenwartsverdichtungen auf sozialen Medien für den Endkonsumenten ein vielleicht nicht dringlich notwendiger, aber doch irgendwie Vertrauen erweckender, erlösender Kontext.

Wie weit „Dicht“ da nun ein Bildungsroman ist, der entweder autobiografisch oder autofiktional mäandert, ist letztlich egal: Die Geschichte, die Sargnagel im Alter von etwa 15 bis 20 durchlebt, ist belanglos und drastisch zugleich und schafft mit diesem klaffenden Ungleichgewicht exakt die Ordnung, die es braucht, um Sargnagels stringent hakenschlagendes Spiel mit Konventionen zu verstehen – beschreibt sie doch hier ihren Weg von einer in endloser Verweigerung treibenden, frustrierten Schülerin zur Künstlerin, bei der nie ganz klar ist, wo die Kunst aufhört und die Künstlerin schließlich anfängt. Dieser Weg, er fußt in der Gosse, dem Rinnsal: Anstatt bildungsbürgerlich zu adoleszieren stiefelt sie mit teils wechselndem Freundeskreis, den stets der Wahnsinn und der Rausch einen, durch den vor lauter Grind nur so triefenden Alltag in Beisln, Suchtler-Stuben, Parks und Assi-Buden. Hier wird ein Wien-Bild gemalt, das ebenso eine der Wahrheiten über die österreichische Hauptstadt ist, wie der aufgedrückte Stempel der „Lebenswertigkeit“: Ein Stadtbild nämlich, das etwa auch Voodoo Jürgens besingt oder Helmut Qualtinger beschreibt. Jugendliches Pathos, Weltekel und -verbesserung werden schön ausstaffiert – aber daneben wird ordentlich gekifft, viel getrunken und in Derbheiten gesuhlt, die Dramaturgie wird dabei flachgehalten.

Das große Geschick von Sargnagel ist es, Fiktion hin oder her, nichts zu verklären – den titelgebenden Zustand am allerwenigsten. Vielmehr erbricht sie mit ihrer schlichten, unverzagten, ja: saloppen Sprache eine bestechend präzise Milieustudie, die im Kern tieftraurig ist. Denn Sargnagel zeichnet zwar ihren Weg zur zwar nicht glücklichen, aber immerhin geglückten Selbsterfindung, sondern auch das Leben der Menschen, die sich mit ihr auf den Weg machten und verloren gingen – einem von ihnen ist das Buch auch gewidmet. In dieser Selbstfindung wird deutlich, wie nah oft Talent und Kaputtsein Hand in Hand gehen – und während juvenil erforschende Sexualität nur am Rand vorkommt, haben die Außenseiterfiguren, die sie allesamt zumindest im Epizentrum Währing-Hernals, zumeist aber auch darüber hinaus sind, in ihrer Schräge eine gewisse Faszination, eine Anziehung. Sargnagel stellt ihre Figuren aber nicht aus, und schont sich dabei selbst noch am allerwenigsten – ihr Talent zur Selbstironie ist da förderlich.

In diesen abgründigen Räuschen ist „Dicht“ ur-österreichisch, gleichzeitig eine beißende Kritik am System, aber auch eine Liebeserklärung an das Nachtleben, ein erfreulich leichtfüßiges Tänzeln zwischen Unerschrockenheit und Unvoreingenommenheit und letztlich: Leichtigkeit und Solidarität. „Dicht“ ist Literatur von unten, aber ohne penetrant aufklärerischen Impetus, Sargnagel blickt auf Sonderlinge nicht herab – sondern hängt mit ihnen ab.

Stefanie Sargnagel präsentiert „Dicht“ am 14. November im Wiener Rabenhoftheater.

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