Test: MOMENTUM True Wireless 2 von Sennheiser

Sennheiser

Sennheiser stellt die zweite Generation seiner renommierten MOMENTUM True Wireless Reihe vor – und ich entdecke Musikhören neu.

Foto: MOMENTUM True Wireless 2 von Sennheiser

Als ich letztens an einem der übersonnigen Tage im April eine Freundin bei ihr daheim besuchte, entledigte ich mich meiner Sachen – nein, nicht das, was Sie jetzt denken, sondern der Schuhe, meiner Sonnenbrille und der Schirmkappe, sowie meiner Kopfhörer und meines iPods. Dinge also, die man als wohlerzogener, nicht-amerikanischer, nicht-jugendlich aufmüpfiger Mensch in einem Zuhause nun einmal nicht trägt.

Da entfleuchte ebendieser, ein gutes Jahrzehnt jüngeren Freundin ein Kichern. Was das denn sei, frug sie mich, auf den unter meinem T-Shirt herausgezogenen Kabelsalat zeigend. „Na, meine Musik“, entgegnete ich mit einem Stirnrunzeln. „Ja, eh“, entgegnete wieder sie, „aber heute hört man doch am Handy und Kabel trägt man auch nicht mehr.“ Wow. In Windeseile war also mein nahender Vierziger nicht nur bereits in Sicht, sondern mühelos überrundet, und hätte ich an mir herabgeblickt, ich hätte mich wohl plötzlich in Altherrenklamotten gewandet gesehen – denn die jugendlich anmutende Warnung, dass man heute so etwas nicht mehr tut, überspringt in der Regel mindestens eine Generation. „So schlimm ist es eh nicht“, schoss sie dann kalmierend nach, als sie wohl mein zumindest innerlich ergrautes Gesicht erblickte, „ich weiß eh, du kaufst sogar noch Platten.“ Der nächste Stich.

Nun gut, mir haben Großeltern, die neuen technischen Errungenschaften aufgeschlossen waren, ohnehin stets imponiert: Wenn statt zum Wählscheibentelefon auch zum Mobiltelefon gegriffen wurde, und vielleicht sogar nicht nur Anrufe, sondern sogar WhatsApp Thema sind. Oder wenn der alte Röhrenfernseher dann doch irgendwann einmal einem Flachbild weicht, und man statt ORF2 nun das Netflix vom Enkel mitbenutzt. Oder neben Heintje auch Metallica hört, zumindest „Nothing Else Matters“. So klingelte ich (mit meinem Mobiltelefon, das durchaus rege im Betrieb ist, nur eben nicht für Musikwiedergabe) also bei Sennheiser durch und bat um ein zeitgemäßes Testmodell.

Sennheiser deswegen, weil hier über die Jahre hinweg Vertrauen in die Produkte aufgebaut wurde, ein Vertrauen, das bei Musikliebhabern unumgänglich ist: Für unterwegs war bei mir bisher (und das durchgängig, seit Jahren!) das beinahe schon rustikale Modell des HD 25-1 in Gebrauch – leicht, widerstandsfähig und kostengünstig. Zuhause und im Büro darf es durchaus wertiger sein: Meine HD630VB wirken auf den ersten Blick zwar wie neumodische Babyelefanten, umschmiegen dabei aber beinah unmerklich die Ohren und lassen, die Außenwelt ausklammernd, sofort in Klangwelten entschlummern. Meine bisherigen Bedürfnisse kennend setzten Sennheiser auf doppeltes Risiko und schlugen mir ihre neuen MOMENTUM True Wireless 2 vor – nicht nur kabellos, sondern gleich auch noch in-ear. Wohlan, möge das Wagnis beginnen.

Aus alt mach neu: Von klobig mit Kabel zu filigran und kabellos.

Eindruck #1 – Tragekomfort

Zugegeben, mir etwas ins Ohr zu stecken – und schaut es auch noch so hochwertig aus, wie die Sennheiser-Stöpsel – ruft vorerst Erinnerungen an die Kindheit wach, als Zäpfchen noch Alpträume bescherten. Doch: So schlimm ist’s ja gar nicht, die Ergonomie ist – so blöd das bei einem vermeintlich so banalen Gebilde auch klingen mag – schlichtweg ein Wahnsinn. Die Stöpsel sitzen wie maßgeschneidert – obwohl sie es nicht sind, es gibt lediglich vier Adapter in den Standardgrößen -, unaufdringlich, ja: beinahe zurückhaltend im Hörkanal, und obwohl sie nicht Druck ausüben, sich nicht merklich „verankern“ vermeint man ein sicheres Tragegefühl zu verspüren. Ob ich jetzt auf einem Bein und mit geneigtem Kopf den Gehsteig entlang hüpfen würde, meine ich zwar verneinen zu können, das hat aber weniger produkttechnische als ästhetische Gründe. Aber fragen Sie einmal zu späterer Stunde nochmals nach.

Eindruck #2 – Technik

Nun gut, die erste Hürde ist also geschafft – es heißt die zweite zu meistern, und die ist tatsächlich tückisch. Als ich studierte, wurden HD-Disketten noch als eindrucksvolle Nachfolger der Floppydiscs gehandelt. Auf diesem archaischen Stand der Technik bin ich freilich nicht stehen geblieben, aber für mich wirkt es – Schmäh ohne – immer noch wie ein Schamanenzauberwerk, wenn zwei (oder gar mehr!) Dingsda kabellos miteinander kommunizieren. Den Hauch der Nigromantie konnten Sennheiser zwar auch nicht lösen, aber doch fühle ich mich nun selbst wie ein Magier: Ich tippe der Beschreibung folgend lediglich drei Sekunden auf beide Stöpsel und schon vermeldet mein Huawei eine erfolgreiche Paarung. Wenn es nur in der Natur auch so einfach laufen würde!

Überhaupt funktioniert die komplette Steuerung nicht nur deppeneinfach, sondern tatsächlich reibungslos über die Stöpsel allein – durch das wahlweise Antippen links oder rechts können Titel übersprungen, die Lautstärke variiert, Telefonanrufe entgegengenommen oder Umgebungsgeräusche hoch- und runtergefahren werden. Auch Telefonieren und die Steuerung von smarten Geräten per Sprachbefehl ist mit dem MOMENTUM True Wireless 2 ganz einfach möglich: Die fortschrittliche Beamforming-Technologie der Ohrhörer setzt zwei Mikrofone ein, um Nebengeräusche zu reduzieren und eine kristallklare Sprachaufnahme zu gewährleisten.

Apropos smart: Man kann die Steuerung nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse anpassen, sondern die Stöpsel reagieren auch auf Benutzerverhalten – etwa, wenn sie dem Ohr entnommen werden, dann pausiert auch die Musik und setzt sie nahtlos fort, wenn sie wieder eingesetzt werden. Aber: Wie klingt’s denn nun?

Eindruck #3 – Tonprobe

Als unwissendes Kind und Jugendlicher nahm ich freilich, was ich bekam oder mir mit meinem Taschengeld leisten konnte, aber desto größer die monatlichen monetären Zusprüche wurden, desto wichtiger wurden neben der Musik selbst auch die Medien, mit denen selbige abgespielt werden konnte. In Punkto Kopfhörer hatten Sennheiser für mich persönlich vor gut einem Jahrzehnt die Nase vorn – das Preis-Leistungsverhältnis ist schlichtweg konkurrenzlos, aber auch das allumfassende Einsatzgebiet: Sennheiser gelingt es über die komplette Produktpalette hinweg, mühelos zwischen Klassik, Hip-Hop, Electro und Heavy Metal zu changieren, ohne die genretypischen Eigenarten einerseits zu vernachlässigen oder auf die anderen zu übertragen. Ich hatte davor schon den einen oder anderen kostenintensiven Kopfhörer, der trotz variabler Einstellungen mit dem viehischen Dröhnen von Sunn O))) nicht klarkam, dafür aber die filigranen Zwischentöne bei Liszt umzusetzen wusste – oder umgekehrt. Oder aber auch solche, die selbst Nick Cave pumpen ließen oder die Beastie Boys überhaupt nicht. Bei Sennheiser ist es freilich auch nicht egal, ob man sich ein Produkt der unteren oder oberen Palette zulegt – aber selbst die weniger kostenintensiven Kopfhörer liefern querbeet ab, die kostspieligen freilich umso mehr.

Auch bei den wutzikleinen MOMENTUM True Wireless 2 sind kaum bis keine Abstriche zu machen: Selbst für anspruchsvolle Hörer ist das Klangerlebnis durch die Bandbreite außergewöhnlich, sie schaffen einen herausragenden Stereoklang mit tiefen Bässen, natürlichen Mitten sowie klaren, detailreichen Höhen. Wenn nötig, kann das Klangerlebnis mühelos mit dem integrierten Equalizer und der Sennheiser Smart Control App an die eigenen Vorlieben angepasst werden. Sennheisers großes Geschick ist letztlich, dass der Klangerzeuger nicht zur freilich hochwertigen, weil raumfüllenden Heimkinoanlage abgewertet wird, weil der Kopfhörer hingegen ja „nur“ ein kleines Feld bespielen muss: Nein, vielmehr wird hier der Kopfraum als umso komplexer, weil mikrokosmisch geballt verstanden, durch den die Musik wie auch im großen Raum von oben und unten, von hinten und vorne, von links und rechts stieben kann, in der introspektiven Wahrnehmung aber umso intensiver aufgenommen wird.

Apropos Intensität: Dank neuer Active Noise Cancellation-Funktion (ANC) und der exzellenten passiven Geräuschunterdrückung der Kopfhörer lässt sich hohe Klangqualität auch in lauten Umgebungen genießen, mit nur einem Fingertipp kann man die Umwelt – sofern nötig – aber auch wieder einblenden.

Fazit

Der Pressetext – und selbige pokern freilich immer hoch – verspricht, dass der neue MOMENTUM True Wireless 2 „für größte Benutzerfreundlichkeit und ganztägigen Tragekomfort weiterentwickelt wurde“. Tatsächlich sind die Ohrhörer nicht nur wie von Sennheiser ohnehin erwartet von zeitlosem, ästhetisch ansprechendem Design und hochwertig, sondern sogar noch um 2 Millimeter kleiner als das Vorgängermodell – dadurch tragen sie sich tatsächlich mehr als nur annehmlich, auch über Stunden hinweg. Denn: Stundenlang kann man die MOMENTUM True Wireless 2 tatsächlich tragen, läuft der Akku mühelos derer sieben, die mitgelieferte Transportbox – die in jede Damenhandtasche passt – verlängert auf bis zu 28 Stunden. Wie langlebig der Akku ist, ist – gerade bei dem Preis – jedoch fraglich. Sennheiser gibt immerhin eine Garantie von 24 Monaten.

Ich muss also neidlos der jüngeren Generation zugestehen: Im Vergleich zum iPod samt Kabelkopfhörer ist der Komfort hier schon beachtlich besser, und das noch dazu, ohne auch nur irgendwelche Abstriche – etwa klanglicher oder funktionabler Natur – machen zu müssen. Zumal das Handy mit Internetzugang sämtliche Musik abzuspielen vermag, während der iPod nur wenige 100 Alben gespeichert hat – allein: Über die Akkulaufzeit meines Mobiltelefons müssten wir dann tatsächlich noch sprechen.

Dennoch: Nach einer Umgewöhnungsphase könnte ich mir also tatsächlich vorstellen, mit der Zeit zu gehen – dass ich alternativ von damals übrigens auch noch einen originalen Walkman besitze (zudem mit diesen geilen orangen Metall-Bügelkopfhörern!), das verschweige ich dieser naseweisen Freundin lieber. Zumindest die Sentimentalität möchte ich mir behalten, weil früher war doch alles bes… Verdammt.

Alle Produktinfos gibt es direkt bei Sennheiser, die Kopfhörer sind in den Farben schwarz und weiß im gut sortierten Fachhandel mit der UVP von € 299 erhältlich. Das ist ein stolzer Preis, schickt man das Vorgängermodell jedoch ein, bekommt man € 75 gutgeschrieben.

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