Thrasher Brewery: Beer Drinkers & Hell Raisers

Thrasher Brewery

Österreichisches Bier gilt auch über die Landesgrenzen hinaus als Kulturgut. Dabei sind die Großbrauereien bei Weitem nicht mehr alleiniges Aushängeschild: Über 170 Betriebe buhlen um die Gunst am Kunden – Thrasher aus Wien am lautesten.

Thrasher BreweryDie Liebe zum Bier war bei den beiden Herren hinter der Wiener Craftbier-Brauerei Thrasher schon immer bacchantisch: Lange Zeit allein als Genussmensch dem Hopfenkaltgetränk zugetan, entschlossen sich Jakob Zerobin (rechts im Bild) und Alex Dietmeier (links im Bild) nach jugendlichen Sturm-und-Drang-Jahren schließlich, aktiv auf das Brauland Österreich einzuwirken und „etwas Eigenes mit Alleinstellungsmerkmal“ zu kreieren. Das Ergebnis sind seit 2017 vier eigenständige Biere, die mit den führenden Biersorten in Österreich – dem Lager, dem Märzen und dem Pils – letztlich nur wenig gemein haben und aus der kompletten Hopfen-Klaviatur schöpfen: Harvest ist ein Wiener Blonde Ale, Spirit Road ein India Pale Ale, Broken Arrow ein New England IPA und Act of Love ein Russian Imperial Stout.

Mit Ewig Frost und Harakiri For The Sky haben sich zudem auch schon zwei österreichische Bands ihr eigenes Bier von Thrasher auf den Leib schneidern lassen, vielleicht sogar trefflicher als Granden wie Iron Maiden oder Metallica. Und mit dem Doom Over Vienna – alle drei übrigens optisch kongenial von Dr. Knoche in Szene gesetzt – hat sich sogar ein heimisches Traditionsfestival ein ureigenes Genuss-Image geschaffen: Das Templars Doom versetzt mit wohlig-resoluter Schwere in den treffenden Gemütszustand für das akustische Dröhnen. Aber: Wo kommen die aromatischen Kreationen nun her? Eine ehemals brandschatzende Szeneikone würde frohlocken: „Let’s find out!“

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, eine eigene Brauerei zu gründen – noch dazu nebenberuflich?

Jakob Zerobin: Ein Studienkollege von mir ist Imker, der hat in mir nach einem Bier zuviel den Drang nach Selbstverwirklichung geweckt. Also habe ich begonnen, in den eigenen vier Wänden einfach mal auszuprobieren und irgendwie war der Anklang im Freundeskreis ganz gut.

Alex Dietmeier: Alle haben gesagt, wie toll die Biere nicht sind, also haben wir uns gedacht, wir versuchen es einmal mit einer Brauerei. Außerdem wollte ich eh schon immer einmal etwas eigenes auf die Beine zu stellen und das schien mir die perfekte Möglichkeit dazu.

Ist die Kreation neuer Biere eher eine „nüchterne“ Wissenschaft, ein analytisches Zusammenfügen der einzelnen Bestandteile, oder eine Gefühlsfrage?

Jakob Zerobin: Sowohl als auch. Natürlich muss, nachdem erst einmal ein Konzept erarbeitet – quasi eine Philosophie erdacht wurde, der Wissenschaftler im Brauer zur Tat schreiten, um das „Feeling“ und den Geschmack dahinter auch tatsächlich umzusetzen.

Alex Dietmeier: Da geht wohl jeder an die Sache ran wie er meint. In meinem Fall überlege ich mir, was ich machen will, schaue mich um, wie das andere so machen und stell mir dann etwas zusammen.

Wohl jedes Kind weiß, woraus Bier besteht. Aber: Welche Rolle spielen das Malz, der Hopfen, die Hefe und natürlich das Wasser tatsächlich für das Endprodukt?

Jakob Zerobin: Eine große natürlich! Durch die Kombination unterschiedlicher Malzarten verleiht man dem Bier nicht nur Aroma und Farbe, sondern auch den notwendigen Körper, den es benötigt, um die unterschiedlichen Aromen, die über den Hopfen (und andere Zutaten) eingebracht werden, zu transportieren. Die Braugerste ist zwar an und für sich ein sehr genügsames Gewächs im Vergleich zu zum Beispiel Weizen, doch sind Umwelteinflüsse wie Dürreperioden oder Starkregenereignisse aufgrund der anthropogen beschleunigten Klimaveränderung Faktoren, die es in Zukunft zu berücksichtigen gilt. Wenn wir also weiterhin Bier in der gleichen Qualität genießen wollen, wird die Brauerei mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um qualitativ hochwertige Produkte zu beziehen. Bier wird also teurer werden.

Hopfen ist durch seine Bitterkeit einerseits der Konterpunkt der Malzsüße – unvergorene Restzucker – als auch ein wichtiger Faktor bei der Haltbarkeit der Biere, die traditionell von der Hausfrau zubereitet wurden, wobei letztlich die heutzutage angewendeten Hygienestandards den Hopfen als Konservierungsmittel obsolet gemacht haben. Der Hopfen bringt aber nicht nur Bitterstoffe ins Bier. Nimmt man zum Beispiel eines der heutzutage sehr populären India Pale Ales her, so hat man eine Fülle Aromen in der Nase, die von Wiesenblumen über tropische Früchte rangieren. All dies ist dem Hopfen zu verdanken, dessen unterschiedlichsten ätherischen Öle während Brauprozess und Gärung ins Bier eingearbeitet werden. Während das Malz also den Körper darstellt, kann man beim Hopfen von der Seele sprechen. Animus Cerevisiae, sozusagen, sofern mich mein Lateinlehrer nicht belogen hat.

Nun haben wir also Körper und Geist des Bieres analysiert, doch wie wird aus dem angebitterten Zuckersaft dann schlussendlich das Bier? Hier kommen Saccharomyces carlsbergensis beziehungsweise cerevisiae ins Spiel. Die Hefe – mikroskopisch kleine Vielfraße – schnabulieren sich durch die unterschiedlichen Zucker in der Maische, arbeiten diverse Substanzen um und scheiden dabei Alkohol und Kohlendioxid aus. Unterschiedliche Hefestämme haben natürlich unterschiedliche chemische und biologische Eigenschaften, deren genauere Beschreibung eindeutig den Rahmen hier sprengen würde. Ein sehr unterhaltsames Buch für den Hopfenjunkie wäre „For the Love of Hops“ von Stan Hieronymous. Das ist auch für Anfänger geeignet.

Die Rollenverteilung im Bier ist nun geklärt. Wie sieht die Rollenverteilung außerhalb des Braukessels aus?

Alex Dietmeier: Offiziell ist Jakob der Braumeister und ich spiele den „Geschäftsführer“. Aber eigentlich trägt jeder anhand seiner Fähigkeiten bei. Wir ergänzen uns da ganz gut.

Jakob Zerobin: Alex kümmert sich auf jeden Fall um die Buchhaltung und unseren Webauftritt – davon habe ich keine Ahnung.

Für Besucher von einschlägigen Veranstaltungen wie dem Craft Bier Fest oder ein Besuch von Spezialgeschäften zeigt sich ein beinah unübersichtlicher Markt: Wie positioniert man sich, wie passiert der Austausch mit dem Mitbewerb?

Jakob Zerobin: Die Szene in Österreich ist noch recht übersichtlich, wodurch ein Austausch mit den KollegInnen zumeist sehr ungezwungen bei diversen Veranstaltungen oder Tap-Takeovers passiert. Grundsätzlich eint uns der Wunsch, die Welt mit hervorragendem Bier zu verbessern. Das weniger altruistische Motiv dabei ist, unser Produkt an den Konsumenten zu bringen. Derzeit sind wir in Österreich noch länger nicht so weit, dass alle Nischen und Sparten besetzt sind, wodurch die Positionierung des eigenen Bieres quasi von alleine passiert – abzüglich des üblichen Marketings, das uns beiden leider nicht sehr liegt.

Alex Diemtmeier: Eben weil der Markt noch nicht so übersättigt ist, fällt uns vieles auch per Zufall zu. Gerade bei den Bandbieren kamen die Leute auf uns zu, weil sie sehen, dass wir sowas anbieten und es sonst noch niemanden gibt, der groß hinausschreit „Hey, wir machen das für euch!“.

Insbesondere Belgien und Großbritannien haben es vorgemacht: Mit auffallenden Namen („Satan“, „Guillotine“) oder  „frechem“ Marketing (BrewDog) lassen sich rasch(er) neue Zielgruppen ansprechen. Auch Astra wurde vor einigen Jahren mit einer frechen Werbeschiene gerettet. Welche „externen“ Faktoren außer dem Bier selbst braucht man im gigantischen Markt heute, um aufzufallen?

Jakob Zerobin: Naja, wie bei allem im Leben braucht man Zeit, Motivation und Geld. Wir können es uns definitiv nicht leisten, mit einem Panzer durch die Wiener Innenstadt zu fahren, um dem schlechten Bier den Kampf anzusagen – mal davon abgesehen, dass das in Österreich schlicht und einfach gelogen wäre, denn selbst die mittlerweile von Heineken aufgekauften Brauereien produzieren noch überdurchschnittlich gutes Bier. Ansonsten gilt der Standardspruch im Marketing: Any publicity is good publicity. Produziere einen Skandal wie ein gewisses Biergeschäft in der Strozzigasse, klatsch dir ein paar Nackerte aufs Plakat, verschenk dein Bier auf der Donauinsel – die Möglichkeiten sind quasi unendlich. Wir für unseren Teil haben uns der Musik verschrieben.

Gerade im Rock-und-Metal-Bereich ist es zur Zeit en vogue, dass Bands ihre eigenen Alkoholika herausbringen, so zum Beispiel Metallica, Iron Maiden und Motörhead mit ihren eigenen Bieren. Auch ihr bewegt euch mit Kreationen für Harakiri For The Sky, Ewig Frost und dem Doom Over Vienna innerhalb der Musikbranche – wie gehen Bier und Musik Hand in Hand, wie spricht das Bier für den Künstler?

Jakob Zerobin: Musik hat bei uns generell einen großen Stellenwert. Sowohl unser Brauereiname als auch die einzelnen Biere haben direkten Bezug auf das Werk des großartigen Neil Youngs, der uns mit seiner Kunst schon seit vielen Jahren durchs Leben begleitet. Was Bandbiere anbelangt, denke ich, für den Durchschnittskonsumenten – also Musik und Bier – ist das eher egal, ob Motörhead oder die Zillertaler Schürzenjäger ein Bier mit ihrem Namen drauf haben. Hier kommen schon wirklich die Fans ins Spiel. Denen wird damit neben Tonträgern und Kleidung ein weiteres Service geboten, und im Gegenzug können sie wiederum ihre Lieblingsband mit dem Erwerb finanziell unterstützen. Wir sind selbst Fans der Bands, für die wir Bier produzieren durften und dementsprechend war es uns auch ein Anliegen, die Wünsche und Vorstellungen der Musiker einzufangen. Jeder Kreation gingen intensive Gespräche über Bier, Musik und Artwork voraus.

Unser High Octane – benannt nach dem Ewig Frost-Song „High Octane Anarchy“ – wurde zum Beispiel auf der Basis einer unserer früheren Kreationen erstellt und nach den Wünschen von Bandkopf Nino abgeändert, um genau seinem Geschmack zu entsprechen. Der Void Filler, das wir für Harakiri For The Sky kreiert haben, ist hingegen ein von Grund auf in vielen Verkostungssessions im Biergreissler neuentstandenes Bier, das eher rein zufällig stilistisch in der Ecke des New England IPAs gelandet ist. Wichtig war für mich als Brauer hier vor allem, den persönlichen Geschmack des Künstlers zu treffen. Ich wollte, dass sich die Band nach einem Konzert oder einer Probensession hinsetzt und mit Genuss ein Bier trinken kann. Ich denke, das ist mir bis jetzt bei all unseren Kooperationen gelungen.

Wie weit helfen euch derartige Kooperationen weiter?

Alex Dietmeier: Ein Großteil derjenigen, die sich ein Bandbier kaufen, kaufen es wegen des Künstlers, nicht der Brauerei. So ein Bier ist in erster Linie Merchandise.

Jakob Zerobin: Wir treten da aber auch bewusst in den Hintergrund, weil es eine Zusammenarbeit ist, die auf den Stil und Geschmack des Musikers eingeht – und darauf sollte der Fokus liegen. Für uns ist das keine Geldmacherei, mit der wir uns oder unsere Brauerei in den Fokus rücken wollen, im Gegenteil: Es ist eine neue, darüber hinausgehende Einheit.

Weil zuvor die Massenware als Konkurrenzprodukt angesprochen wurde: Wodurch unterscheidet sich eurer Meinung nach Craftbeer von dem großer Konzerne?

Jakob Zerobin: Größtenteils in der Rezeption des Konsumenten. Größe ist relativ. Was in den USA eine Microbrewery ist, ist hierzulande größer als Stiegl und Ottakringer zusammen. Was man jedoch grundsätzlich sagen kann ist, dass es bei unabhängigen Kleinbrauereien viel weniger um Industrialisierung und Gewinnmaximierung geht, beziehungsweise gehen sollte. Man kann das aber nicht pauschalisieren. Es gibt genügend große Brauereien, die mit sehr viel Liebe an ihre Produkte herangehen und es gibt auch in der Craftbierszene genügend rein profitorientierte Menschen. Craft Beer ist sowieso ein irreführender Begriff, den wir gerne durch Indie Beer ersetzen würden, weil dadurch der Situation in der Braukultur deutlich besser Rechnung getragen wird.

Alex Dietmeier: Zusätzlich sind es natürlich auch die angebotenen Biersorten selber. Den Hobby- und Craftbrauern wird ja meiner Meinung nach zu Recht nachgesagt, dass sie die größten Biergeeks seien. Sie sind äußerst experimentierfreudig und bringen daher auch die vielfältigsten Biersorten heraus. Da können die Industriebrauer halt bei weitem nicht mithalten.

Österreich ist ein Land der Biertrinker, aber auch der Traditionalisten: Wie reagiert der heimische Markt auf „neue“ Biere?

Jakob Zerobin: Der Österreicher ist kein Biersnob wie der Deutsche, der sich etwas auf eine längst obsolete Zutatenliste aus dem 16. Jahrhundert einbildet. „Kenn i ned, wos is des?“, „Aha, eh ned schlecht“ sind so die Standardantworten, wenn du beim Ottonormalotto mit deinem Superduperüberdrübercraftbier auftauchst. Nur selten kommen dir hier die Leute mit dem Reinheitsgebot oder „Des is jo ka Bier mehr“-Sagern daher. Wir sind ein wenig kulanter und freizügiger, was die Gestaltungsmöglichkeiten anbelangt. Ein Bier mit eingebrautem Mangalitzaschweinekopf wie das von der Brauküche35 aus Schalladorf erregt aber auch hierzulande noch Aufsehen und ist einen kurzen Beitrag in der NÖN wert. Irgendwer hat einmal gesagt, die Seele des Österreichers sei im Grunde genommen die Liebesheirat zwischen deutschem Pflichtbewusstsein und italienischer Arbeitsmoral – Schaumaramol, nit?

Alex Dietmeier: Es ist noch eine Menge an Überzeugungsarbeit zu leisten. Klar, dem Biertrinker, der lediglich auf Masse, anstatt auf Klasse setzt, dem lässt sich ein Craftbier nicht einreden. Ich wünsche mir aber, dass die breite Masse mit der Zeit erkennt, dass Bier auch anders schmecken kann als Schwechater oder Ottakringer und sie auch bereit ist, dafür etwas hinzulegen, das der Qualität entspricht. Beim Wein geht es ja auch.

Hat Craftbier also Chancen, zum Bierstandard – etwa auf Konzerten – zu werden?

Alex Dietmeier: So weit würde ich nicht gehen. Auch beim Wein hast du den Doppler zum Spritzen und die teuren, edlen Tropfen. Und ich kenne keinen Craftbier-Brauer, der nicht auch ein handelsübliches Märzen trinkt. Es macht letztlich sowohl für die Brieftasche, wie auch für den Geisteszustand wenig Sinn, sich auf einem Konzert sechs IPAs einzuverleiben. Ein Double IPA ist halt auch kein Durstlöscher.

Jakob Zerobin: Es gibt die Quantitäts- und die Qualitätstrinker. Daran wird sich nie etwas ändern.

Alex Dietmeier: Craftbiere sind Genussbiere, die man zum Beispiel zum Essen reicht. Dem gegenüber steht dann zum Beispiel das süffige und deutlich günstigere Märzen, das man nebenher trinken kann.

Machen solche Food-Parings überhaupt Sinn, oder sind das künstlich erzeugte Spinnereien?

Alex Dietmeier: Wie beim Wein: Natürlich gibt es Harmonien zwischen Bier- oder Weinstilen und Nahrungsmitteln, aber letztlich sind das individuelle Geschmäcker, ob ich zu etwa Hendl lieber ein Blond Ale, ein Märzen oder einen Weißwein trinke.

Ein Vorurteil sagt jedoch aus, dass Wein- und Whiskytrinker Genussmenschen sind, während das Hopfengetränk landläufig nach wie vor (auch) einen prolligen Status innehat. Wodurch ergibt sich diese Wertigkeit und verschiebt sich jene vielleicht?

Jakob Zerobin: Bier hatte gesellschaftlich historisch immer schon einen anderen Stellenwert als Wein. Während Wein schon bei den Römern zur Berauschung und dem Genuss diente, war das Bier schon in grauer Vorzeit eine Lebensnotwendigkeit, weil das im harmlosesten Falle von Kolibakterien bevölkerte Brunnenwasser nicht trinkbar war, es Kraft gab (damals war Reinzuchthefe ein Fremdwort – Bier war also viel süßer) und deshalb vorwiegend vom Arbeiter, dem Proleten, getrunken wurde. Dass das Bier mittlerweile nicht mehr diesen Status hat, ist unschwer zu beobachten. Es ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, also sozusagen in der Subkultur. Auch die Craft Beer Brauerei ist in ihrer Gesamtheit schon lange nicht mehr Punk oder Hip, es ist Business und Marketing. Wie knallhart das Ganze ausfallen kann, sieht man spätestens dann, wenn kleine Lokale von Craftbier-Riesen verklagt werden, weil die ein Produkt so nennen wollen, wie die Bar heißt.

Ein weiteres Biervorurteil: Bier ist bevorzugt ein Männergetränk. Wahr oder falsch?

Jakob Zerobin: Bier wurde historisch von der Hausfrau für die ganze Familie gebraut. Ein paar der besten Braumeisterinnen sind Frauen, und selbst auf den ganzen Conventions sind Frauen keine Seltenheit mehr. Natürlich war das nicht immer so, aber die Durchmischung in der Szene wird immer besser und ich bin mir sicher, dass das so weitergehen wird.

Alex Dietmeier: Ich glaube, das ist schon länger nicht mehr so. Ich kenne sehr viele Frauen, die gerne Bier trinken und die Craftbiere tragen auch dazu bei, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Aktuell „in Mode“ sind Starkbiere – wie auch hervorragend aufgelistet in Tepedelens „The Brewtal Truth Guide To Extreme Beers“. Welche Wertigkeit hat der Alkoholgehalt tatsächlich, gibt es immerhin auch das Vorurteil, „alkoholfreies Bier schmecke nicht“?

Jakob Zerobin: Alkohol ist, ähnlich dem Fett im Essen, ein Lösungsmittel und Transportstoff. Vergleich einmal 25-prozentige Mayonnaise mit 80-prozentiger: Ich glaube, damit ist eigentlich alles gesagt.

Bierkenner wissen: Es gibt nicht nur ein Bierglas, Besucher des Wiener Känguruhs beispielsweise merken rasch, dass jedes Bier sein eigenes Glas verträgt. Euer fachlicher Ratschlag: Was braucht man daheim?

Jakob Zerobin: Für den Biertrinker zuhause empfehlen sich zwei Bierglasarten. Zum einen gibt es den Willibecher, das „klassische“ Bierglas, zum anderen das in jüngster Zeit vermehrt auftretende Teku-Glas, auch Sensorikpokal genannt, ein dem Jungweinglas nicht unähnliches Glas. Allgemein kann man sagen: konisch, dünnwandig, mit Moussierpunkt. Damit sollte man für die allermeisten Fälle gewappnet sein. Spezialgläser wie die Kölschstange müssen dann an dem jeweiligen Biergeschmack angepasst zugekauft werden.

Eine professionelle Marktbeobachtung – wie hier im Biergreissler – ist für Alex und Jakob natürlich unumgänglich.

Ihr habt ein Wiener Blond Ale, ein Russian Imperial Stout, ein India Pale Ale und ein New England IPA im Angebot – was steckt hinter den für Otto Normal undurchsichtigen Bezeichnungen?

Jakob Zerobin: Die meisten Biernamen sind historisch gewachsene, teils auf Legenden basierende Bezeichnungen. Das India Pale Ale heißt zum Beispiel so, weil es, um auf der Reise nach Indien nicht zu verderben, mit besonders viel Hopfen versehen und doppelt so stark eingebraut wurde, mit dem Gedanken, dass sich der Konsument – die britischen Besatzer/Kolonialherren – das Bier dann mit Wasser verdünnen, was natürlich nicht geschehen ist. Heutige IPAs haben allerdings nichts mehr mit der ultrabitteren Plörre von damals zu tun. Ein New England IPA ist hingegen eine geographische Bezeichnung. Es handelt sich um ein Bier, das dem in New England (Vermont) heimischen Bierstil nachempfunden ist.

Wie regional sind Geschmäcker und demnach Bierstile?

Jakob Zerobin: Sehr. Für die Leute in Vermont ist das New England IPA zum Beispiel keine „eigene Biersorte“, sondern eben Bier, wie sie es kennen. Vom globalen Blickwinkel gesehen ist es aber eben „anders“. Oder nehmen wir das Pils her: Ein norddeutsches ist furztrocken, ein böhmisches süffig und malzig. Heißen tun aber beide trotzdem gleich. Sehr regional spezifisch sind auch die Goose, mit Koriander und Salz gebraute deutsche Gewürzbiere, oder die Berliner Weisse. Ein anderes Beispiel: Das unsrige, das Wiener Lager, war der Exportschlager anfang des Jahrhunderts – bis nach Mexiko. Während sich der europäische Markt entwickelt hat, ist das originale Rezept dort bewahrt geblieben, bevor es die Brauer der ersten Craftbier-Generation in Amerika für sich entdeckt haben und es über die Modewelle wieder zurück über den Ozean bis nach Österreich geschwappt ist. Regionales Bier zieht also durchaus auch seine Kreise – in dem Falle von Schwechat nach Nordamerika und wieder zurück.

Alex Dietmeier: Ausgefallene Biersorten wie ein Double IPA sind dann tendenziell von Haus aus überregional oder gar global. Da wäre ein regionaler Markt, abgesehen von vielleicht etwa Großbritannien, zu stark begrenzt.

Gibt es einen Jahresplan, wann man ein Bier brauen und veröffentlichen kann und wann nicht?

Jakob Zerobin: Es ist primär eine Zeit- und Logistikfrage: Wenn man sich über das Bier im Klaren ist, dauert es vom Kauf der Zutaten bis zur Abfüllung je nach Bier zwischen ein und drei Monate. Ein anderer Aspekt ist natürlich, dass man im Sommer kein Imperial Stout, im Winter kein fruchtiges Sommerbier rausbringt: Bier ist letztlich ein saisonales, im Optimalfall auch regionales Produkt.

Gibt es um gewisse Stile einen Hype?

Jakob Zerobin: Das ist nicht von der Hand zu weisen, ja. Wie in jedem Markt gibt es Hypes, die aber irgendwann auch wieder abflachen. Der letzte „heiße Scheiß“ war das zuvor angesprochene New England IPA. Letztlich bleibt von jedem Szene-Hype hoffentlich eine Bildungs- und Aufklärungsarbeit, schärft das Bewusstsein für eine Branche auch über die enge Blase hinaus.

Kann man es sich da als Kleinbrauerei erlauben, nicht auf einen Hype aufzuspringen?

Jakob Zerobin: Natürlich. Der Alefried bedient zum Beispiel mit seinen Sauerbieren ausschließlich eine Nische, oder nimm die Waldbiere von Kiesbye her: Die rennen einmal im Jahr in den Wald und pflücken irgendwelche Wipfel ab. Man kann sich durchaus ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten und bewahren. Man hat auch im Stil Entfaltungsmöglichkeiten, ich persönlich würde mich jedoch in einem Stil kreativ nicht ausgelastet fühlen, ich kombiniere viel lieber diverse Stile miteinander, als innerhalb eines zu probieren.

Wie findet man sich in dem Dschungel aus verschiedenen Bezeichnungen zurecht? Immerhin kann man nicht jedes Bier antesten.

Jakob Zerobin: Wie findet man sich in einem gut sortierten Craftbierladen zu Recht? Naja, wenn es ein guter Laden ist, dann gibt es dort Personal, das selbst bierbegeistert ist und dir zu jeder Flasche etwas erzählen kann, so wie in Wien beim Biergreissler oder im Beer Store Vienna in Meidling. Dort gibt es zum Beispiel auch Hobbybrauerzubehör und die Jungs und Mädels dort verstehen ihr Handwerk und wissen bei jedem Problemchen Abhilfe.

Eure Biere gibt es in einigen Fachgeschäften und Lokalen in Wien und Umgebung, vornehmlich aus der Flasche. Wieso eigentlich Flasche und nicht Dose?

Jakob Zerobin: Dosen sind eigentlich das ökonomischere und – man glaube es kaum – ökologischere Gebinde: Gerade in Punkto Transport bietet eine Dose nur Vorteile, sie wiegt um einiges weniger als eine Flasche, ist widerstandsfähiger und platzsparender. In Österreich hat Dosenbier nur leider einen wahnsinnig schlechten Ruf, obwohl es letztlich auch in Punkto UV-Strahlung und Verschlussdichte für das Bier besser ist.

Ewig Frost spielen am Kaltenbach Open Air, Harakiri For The Sky am Metal On The Hill, im November lädt das Doom Over Vienna wieder in die Untiefen des Viper Rooms. Was steht uns 2019 bei Thrasher ins Haus?

Jakob Zerobin: Aktuell haben wir drei Biere in der Pipeline, die mehr oder weniger fertig sind – darunter ein Porter und ein Red Ale. Über mögliche Kooperationen und/oder Sonderabfüllungen hüllen wir uns noch in Schweigen.

 

Ewig Frost spielen am Kaltenbach Open Air (22. bis 24. August, Spital am Semmering), Harakiri For The Sky am 2. Fe­bruar in der ((szene)) Wien und am Metal On The Hill (16. und 17. August in Graz). Tickets gibt es bei oeticket.com.

Mehr Informationen zu den Bieren der Thrasher Brewery findet man auf der Homepage, Aktuelles auch auf Facebook. Die Biere erhält man in verschiedenen Geschäften und Lokalen in Wien, die Eigenabfüllungen auch bei den benannten Bands. Einen Wegweiser findet man ebenfalls auf der Homepage.

 

Fotos: Stefan Kuback / kbkimages