Tina Naderer und die Liebe

Tina Naderer

Nach fünf über die letzten zwei Jahre verteilten Singles legt Tina Naderer nun endlich ihr Debütalbum „Ohne Filter“ vor. Wir sprachen mit ihr über das Kernthema, die Liebe.

Nach fünf über die letzten zwei Jahre verteilten Singles eröffnet Tina Naderer mit ihrem Debütalbum „Ohne Filter“ am 4. Juni ein weiteres großes Kapitel ihrer Karriere: „Ohne Filter“ taucht über 12 Songs hinweg ein in eine Gedankenwelt, in der alle Fassaden fallengelassen werden und Sentiments freien Lauf gelassen wird. „Ohne Filter“ ist so etwas wie ein Abschnitt einer Autobiographie, ein Abschnitt, der jedoch in seiner Fragestellung Allgemeingültigkeit versprüht: „Liebe ist …?“

Die Liebe wird dabei jedoch nicht als verklärter Kitsch transportiert, sondern in ihrem inneren Kern wahrgenommen: Als unumgänglicher Lebensinhalt, der in seinen positiven und negativen Auswirkungen treibende Kraft ist, nicht nur im Zwischenmenschlichen, sondern insbesondere auch an sich selbst zu reifen. Liebe wird nicht als Selbstaufgabe wahrgenommen, sondern viel mehr als Chance begriffen, gleichermaßen schöne wie auch widrige Momente zu erleben, sie durchzuleben, zu teilen und an ihnen zu wachsen. Dabei zeigt Tina Naderer in ihren Skizzen, die auf persönliche Erfahrungen fußen, auf, dass Gefühle empfundene und beständige Emotionen sind und Zuneigung an sich ein hehres Gut, das sich von den ersten bis zu den letzten Atemzügen durchzieht und unabdingbar für den eigenen Reifeprozess ist: Liebe, so erzählt sie, ist mehr als nur ein Gefühl, das man für Familie, Freunde oder Partner gleichermaßen empfindet – sondern vielmehr eine Grundstimmung, die es überhaupt erst ermöglicht, Erlebtes zu verarbeiten und zu reflektieren.

Zuneigung ist letztlich keine Hingabe zu einer Person allein, sondern vielmehr eine Innigkeit, die das Leben empfindet, Liebe ist ein „ehrliches Miteinander, ein Nachhausekommen“, wie es Tina Naderer auf den Punkt bringt. Dazu gehört freilich nicht nur die Zweisamkeit, sondern auch die Einsamkeit: „Durchs Alleinsein lernt man sich und seine Bedürfnisse kennen, erfährt, wer man ist, wohin man will, wie man behandelt werden möchte“, reflektiert Tina Naderer und motiviert damit auch ihren Vorsatz „Ohne Filter“; „Dieses ehrliche Miteinander, das als Basis fürs Leben wahrgenommen wird, ist ungemein wichtig. Wenn man von seiner Umgebung erwartet, als Charakter mit all seinen positiven wie negativen Eigenschaften für voll genommen zu werden, muss man sich auch trauen, seine Masken abzulegen und zu zeigen, wer und wie man wirklich ist.“ Davon erzählt speziell das Beinahe-Titelstück „Bild ohne Filter“, in dem Tina Naderer dafür in die Bresche springt, sich unverblümt, ehrlich und pur zu zeigen – denn nur die „reine Essenz“ wird zur „offenen Tür“, die Menschen näherbringt.

Denn – und das wird auch nur zu gern vergessen: Auf welcher Beziehungsebene sich auch zwei Menschen gefunden haben, zum erlebten Miteinander gehört keine Reduktion auf punktuell positive oder negative Erlebnisse, denn das Leben ist ein Kaleidoskop, das im Handumdrehen aus Dunkel licht werden kann. Demnach versteht sich auch „Ohne Filter“ als eine Momentaufnahme einer Therapiesitzung: Gerade große Gedanken brauchen den Raum, die Aussprache, damit sie sich entfalten können und jeder für sich selbst neu bewerten kann – insbesondere, da sich jeder von uns zumindest ein Stück in Tina Naderers Betrachtungen wiederfinden kann, sich von ihren Tränen, aber auch ihrem Lächeln anstecken lässt und erfährt: Manchmal muss man nur ein Stück weit loslassen können, um wieder die Explosion des Lebens genießen zu können.

Freilich ist wie auch im wirklichen Leben die Liebe wenngleich die elementarste, so doch nur eine Facette von Tina Naderer. Man darf also bereits gespannt sein, welches Kapitel die junge Niederösterreicherin als nächstes aufschlagen wird, auf welche Reise sie ihr Publikum in Zukunft nimmt.

Als ich den Titel deines Albums hörte, musste ich an eines meiner ersten Alben zurückdenken: „Ohne Maske“ von Udo Jürgens. Auch hierin geht es darum, keine Fassaden aufzubauen, sondern aufeinander zu zugehen und Momente ehrlich gemeinsam zu teilen. Da merkt man, wie beständig dieses Thema ist, wenngleich sich die Rahmenbedingungen – etwa durch Social-Media-Plattformen – ändern.

Der Albumtitel fußt am Song „Bild ohne Filter“, und ja, da geht es darum, sich so zu zeigen, wie man ist. Ich glaube, das ist wirklich ein Thema, das sich beständig in allen Generationen als unumgänglich herauskristallisiert, weil gerade bei Menschen, die man gern hat es extrem wichtig ist, sich gegenseitig so zu zeigen wie man ist, weil man nur so verlangen kann, dass man auch so genommen wird, wie man ist. Das ist eine schöne Message.

Willst du von dir aus einmal erzählen, was dein Debütalbum „Ohne Filter“ ausmacht“?

Für mich war immer klar, wenn ich Musik mache und damit an die Öffentlichkeit gehe, dass ich mich nicht verstelle. Das Album ist sehr persönlich, ich erzähle relativ viel über meine vergangene Beziehung und meine Gefühle. Manchmal denke ich mir natürlich schon, ich hätte nicht so viel preisgeben sollen, weil damit mache ich mich angreifbar – aber ich sage generell, was ich mir denke, also ist das beim Album genauso. Natürlich schaue ich schon, dass ich niemanden schlechtmache, aber ich will, dass das, was in mir passiert, ankommt. Bei der aktuellen Single „Wie krass du bist“ hat mir jemand geschrieben, dass sie der Auslöser war, dass sie sich mit einer Freundin, mit der sie ein halbes Jahr zerstritten war, wieder vertragen hat, weil sie gemerkt hat, dass ein Lercherlschas nicht alles Schöne vergessen machen darf, das davor passiert ist. Ich glaube, das macht mein Album aus.

Ich erzähle auch viel in meinen Songs, aber so, dass die Leute auch ihre eigene Geschichte daraus machen können. Deswegen setze ich auch so viel Wert auf meine Stimme: Ja, der Text ist wichtig, aber ich glaube, die Stimme schafft dafür die entsprechende Grundstimmung. Das Album ist jedenfalls extrem ehrlich und so ausgelegt, dass du dazu eine Stunde lang tanzen, weinen und lachen gleichermaßen kannst.

Die Geschichten, die du erzählst, hat auch wirklich jeder schon einmal – zumindest in einer ähnlichen Form – erlebt.

Das ist auch etwas, was du erhoffst, wenn du Musik machst – weil es ja auch Leute gibt, die sich eben nicht mit der Musik ausdrücken können. Dann ist es das Schönste, wenn jemand, der ein Beziehungsende hat, Songs findet, mit denen er oder sie damit besser umgehen kann und über Stunden hinweg einfach nur weinen, aber auch lachen kann.

Hast du mit deinem Ex-Freund abgestimmt, dass er das Thema deines Albums darstellt?

Gar nicht. Aber ihm war es glaube ich bewusst, aber er hat schon gefragt, ob es auch Songs gibt, die nicht über ihn gehen (lacht). Und ja, es gibt auch wirklich Songs, die ihn nicht betreffen. Aber er hat auch gesagt, er findet es schön, dass ich das so verarbeiten kann, weil er weiß, dass ich kein Mensch bin, der gern immer über seine Gefühle redet, sondern eben die Musik für sich sprechen lässt. Er hofft natürlich schon, dass die Leute jetzt dann nicht denken, dass er der Böse war (lacht), aber so ist es ja auch nicht. Er kennt aber auch noch nicht das ganze Album vorab, weil ich will, dass das Album auch mit ihm etwas macht – genauso wie mit dir oder allen anderen, die es hören werden. Er war ja lange Zeit, 7 Jahre, Teil von mir und hat mich anfangs auf der Reise ganz viel begleitet, also ist er ein Bestandteil von mir – und das ist ein schönes Gefühl.

Dein erstes Album dreht sich also um das Thema „Liebe“ – ist das dann auch der Fokus, den du für deine weitere Karriere erwählt hast?

Nein, gar nicht. Es kommt ganz darauf an, wie es mir geht. Mich fragen ganz viele Leute: „Bist du eigentlich immer traurig?“ Nein, gar nicht! Aber warum sollte ich Texte über etwas schreiben, was ich jetzt, in dem Moment, gar nicht fühle? Ich musste jetzt anderthalb Jahre mit der Trennung und den daraus resultierenden Veränderungen kämpfen und sie verarbeiten – das hat mich jetzt beschäftigt. Ich glaube, das nächste Album wird reifer, weil ich ja auch älter werde – ich bleibe also nicht die kleine Tina, die nur über ihr gebrochenes Herz singt (lacht).

Das Album erzählt ja auch nicht nur von einer gescheiterten Liebe, sondern auch das Positive, das man aus einer verflossenen Liebe mitnehmen kann: Dass man zu sich selbst gefunden hat und immer mehr lernt, sich selbst zu lieben.

Man sagt, dass die meisten Künstler aus dem Schmerz und aus großen Dramen größere Kreativität schöpfen als aus Momenten des Glücks.

Voll. Der Song „Wie krass du bist“ ist eine voll arge Emotion für mich, weil ich meine beste Freundin über alles lieb, aber wenn du traurig bist, traust du dich auch, viel mehr zu schreiben. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann setze ich mich ans Klavier und schreibe – was eh traurig ist, weil es gibt so viele schöne Momente, über die man schreiben könnte, aber die sind vielleicht nicht so stark wie die wo man sich mehr in sich hineinzieht und vielleicht nicht so darüber redet. Weil über die schönen Momente, über die spricht man ja auch gern, die teilt man gerne mit.

Schwächst du in der Nachbearbeitung dann die aus dir herausgebrochenen Gefühle auch ein bisschen ab?

Ein bisschen vielleicht. Ich finde „Wiederkommen“ und „In meinen Augen“ die ehrlichsten Nummern am Album. Dabei kommt mir gerade „Wiederkommen“ extrem traurig vor, obwohl die Message eigentlich eine positive ist. Ich versuche schon, die Gefühle so wie sie sind, zu belassen.

In Promo-Texten liest man oft, der Künstler hätte sein „persönlichstes Album“ vorgelegt. Wie gehst du mit diesem Seelen-Striptease um, gerade, wenn Kritik folgt?

Für mich ist das kein Problem, ich empfinde ja auch irgendwie, dass wenn ich zum Beispiel James Bay höre, dass ich ihn zumindest zum Teil kenne. Aber ich finde es auch schön, dass man mich dann auch nicht komplett kennt, weil zwischen der Künstlerin und Privatperson gibt es ja doch noch einige Unterschiede. Natürlich: Wenn man einen Künstlernamen hat, ist es viel leichter, diesen Unterschied auch wirklich zu verdeutlichen.

Konstruktive Kritik nehme ich natürlich immer an, wenn es persönlich wird, dann geht mir das natürlich schon nah. Aber ja, ich bin schon ein Mensch, der sich sehr viel zu Herzen nimmt und darüber nachdenkt. Aber das ist auch gut so.

Hast du dir mal überlegt, nicht unter deinem Klarnamen aufzutreten, um Distanz zu schaffen?

Ich habe mir gerade jetzt wieder sehr viele Gedanken darüber gemacht, andererseits: Wenn ich schon über mich schreibe, dann bleibe ich auch Tina Naderer. Ich bin aber auch nicht abgeneigt, irgendwann etwas anderes vielleicht auch nebenbei zu machen, ich lebe ja nicht nur den Deutsch-Pop. Wenn ich irgendwann ein anderes Projekt mache, dann dort nicht unter meinem Klarnamen.

Welches Publikum hast du vor deinem inneren Auge – oder Ohr?

Ich habe keine bestimmte Zielgruppe im Kopf, ich möchte gern alle Altersgruppen anzusprechen. Eigentlich versuche ich, mich nicht auf irgendwen zu versteifen – Freundschaften und Beziehungen begleiten uns alle durchs Leben, egal ob du in meinem Alter bist, im Alter meiner Eltern oder Großeltern.

Welcher inneren Ordnung folgt das Album? Ist das eine durchgängige Erzählung?

Wir haben uns lange Gedanken darüber gemacht. Ich wollte es zuerst chronisch ordnen, aber es ist kein Album, wo der eine Song direkt auf den anderen Bezug nimmt. Dazu sind die Songs zu unterschiedlich. Wichtig war, dass „Wiederkommen“ der letzte Song wird, weil ich einerseits traurig war, aber andererseits ist die Hoffnung da. Wie die Songs davor angeordnet wurden, das ist letztlich gar nicht so durchdacht, sondern gefühlsmäßig zustande gekommen. Ich habe mir da auch nicht vom Produzenten oder von meinem Management reinreden lassen, sondern das war allein meine Entscheidung.

Bist du tendenziell eher ein Herzens- oder ein Kopfmensch?

Gute Frage. Grundsätzlich ein Herzensmensch, aber mein Kopf mischt sich viel zu viel ein. Ich denke von 6 in der Früh bis zu Mitternacht einfach über alles nach, aber die Entscheidungen, die ich dann treffe, passieren durch den Bauch.

Du kennst sicher die „Liebe ist …“-Comics. Was ist für dich Liebe?

Ein ehrliches Miteinander. Und ein Nachhausekommen.

Wie unterscheidet sich da das Empfinden zu einem Partner von dem zu deiner Familie, deinen Freunden, deinen Tieren?

Eigentlich gar nicht. Meine engsten Freunde – und damit auch mein Partner – sind meine Familie. Nur, wie ich meine Liebe weitergebe, ist von Person zu Person unterschiedlich. Ich lasse nur ganz wenige Leute ganz nah an mich ran, und dann haben sie auch verdient, dass sie alle die gleiche Liebe bekommen.

Weil du gerade die Nähe angesprochen hast: Gerade in Corona-Zeiten muss die Nähe oft den Filter des Digitalen – sei es Zoom, WhatsApp oder ähnliche Plattformen – überwinden, auch Thema des Songs „Gute Zeit“. Wie gehst du damit um?

Für mich ist das ur schwer. Gerade bei meinen engsten Freunden liebe ich es zu kuscheln, umarmt zu werden – ich brauche das extrem. Ich habe aber auch keinen Bock, den ganzen Tag auf WhatsApp zu schreiben und frage mich oft, was meine Freundinnen 10 Stunden am Tag irgendeinem Typen zu erzählen haben. Ich will ja viel lieber gegenüber von der Person sitzen und plaudern.

Wie gehst du mit Alleinsein und Einsamkeit um? Ist das etwas, das du manchmal auch brauchst?

Ich bin Einzelkind und auch wenn es ein Klischee ist: Ich bin es gewohnt, ganz viel auch allein zu sein. Ich liebe und brauche jeden Tag zumindest ein, zwei Stunden, wo ich ganz allein für mich sein kann. Ich liebe es auch, alleine traurig zu sein, mich einzusperren und den ganzen Tag mit niemandem zu reden. Gerade jetzt, wo ich wieder Single bin, habe ich das aber auch erst wieder lernen müssen – gerade in meiner Generation können das glaube ich auch nur sehr wenige. Das finde ich so schade, weil nur so lernt man sich wirklich gut kennen und merkt, was man selbst vom Leben will: Wie du behandelt werden willst und was du weitergeben willst. Das ist so wichtig. Deswegen lege ich das jedem auch nahe: Sei auch einmal allein.

Wie reflektierst du deine Gefühlswelt, wie gehst du mit deinem Ich um?

Ich setze mich sehr viel mit mir auseinander und schreibe sehr viel – gar nicht nur Songtexte, sondern auch Tagebuch. Ich nehme mir jeden Tag einige Minuten Zeit um den Tag zu reflektieren um zu schauen was ich gut oder schlecht gemacht habe, oder was ich besser gar nicht mehr mache. Früher habe ich mich nicht so intensiv mit mir beschäftigt, aber ich glaube, es ist sehr wichtig, sich nicht nur immer mit anderen, sondern gerade mit Dingen, die dich selbst bewegen, auseinanderzusetzen. Aber: Ich rede auch mit den engsten Leuten darüber – das macht man oft auch zu selten, genauso wie es früher verpönt war, zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Weil oft braucht man die Distanz von sich oder auch vom engsten Umfeld, um klarzusehen. Ich bin natürlich auch noch nicht am Punkt, wo ich mit allem zufrieden bin, was ich bin oder was ich mache, aber ich versuche einfach, meinen Bedürfnissen zu folgen – weine auch einmal für mich allein oder höre nur gute Musik, und das muss dann keiner wissen. Aber ich glaube, im Enddefekt läuft es darauf hinaus, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und nicht immer den anderen die Schuld zuzuschieben.

Wie gehst du mit Verflossenem um? Sind das Momente, die du aus deinem Leben löscht – Fotos zum Beispiel – oder Dinge, die du dir immer vor Augen hältst, weil sie dich eben auch ausmachen?

Was das betrifft, bin ich für andere junge Mädchen sicher ein schlechtes Vorbild – ich tue mir irrsinnig schwer, Dinge zu kappen. Am Ende der Beziehung habe ich schon den Cut gemacht, dass man sich nicht sieht und auch nicht hört, aber ich lösche jetzt keine Bilder oder schmeiße Geschenke weg – ich trage bestimmte Ohrringe vielleicht nicht mehr, aber sie sind immer noch da. Rückblickend, die Trennung ist ja auch schon zwei Jahre her, glaube ich, dass man schon einen stärkeren Cut machen müsste, als ich es damals gemacht habe. Aber das ist als Musikerin auch schwer, weil du dich immer mit diesem Thema konfrontierst. Andererseits verstehe ich mich auch noch immer irrsinnig gut mit meinem Ex-Freund und das finde ich auch extrem wichtig und voll schön – ich habe ja nicht umsonst so viel Zeit mit diesem einen Menschen verbracht. Man war ja nicht nur einfach „zusammen“, da ist ja auch eine Freundschaft entstanden.

Was macht eine (gute) Beziehung für dich aus?

Dass jeder für sich weiß, was er will und sich selbst nicht hintenanstellt. Ich glaube, diesen Fehler begehen ganz viele in einer Beziehung – ich genauso. Das ist ganz, ganz schlecht, weil dann wirst du irgendwann unglücklich, wenn du nicht das machst, was du möchtest. Ehrlichkeit und blindes Vertrauen ist mir auch über alle Maße wichtig, ich muss mit meinem Partner über alles reden können – auch wenn das vielleicht in einen Streit ausufert. Ebenso wichtig ist es aber auch, dass man miteinander lachen kann. Ich glaube, mein Partner muss einfach mein bester Freund sein, er muss mich so nehmen, wie ich bin, auch wenn ich einmal einen Poscher habe. Das beschreibt es am besten. Dieses enge Vertrauen kann natürlich auch zum Verhängnis werden, weil du dich immer darauf beziehst, dass immer wer für dich da ist – aber das ist auch ein schönes Risiko.

Wie hast du die Leerstelle, die sich nach dem Beziehungsaus aufgetan hat, gefüllt?

Am Anfang habe ich die Leere Leere sein lassen und auch dafür gesorgt, dass diese Leere bleibt. Aber dann habe ich wieder mehr mit meinen Freunden oder auch meinen Eltern und Großeltern gemacht und die Leere langsam wieder mit anderen Personen aufgefüllt – aber ich habe mir trotzdem immer noch diese eine kleine Lücke hinterlassen, die bleibt.

Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick?

Jein. Ich glaube schon, dass dich jemand von Tag eins verzaubern kann. Es ist halt dann die Frage, ob das die Liebe auf Dauer ist … Also ja, an ein Verliebtsein auf den ersten Blick glaube ich, aber Liebe ist ein zu großes Wort dafür.

Gibt es die einzig wahre Liebe? Oder ist das ein Konstrukt von früher, als „Lebensabschnittspartner“ noch nicht so en vogue waren?

Ich hoffe. Ich glaube aber, dass es unwahrscheinlich wird und es wahrscheinlicher ist, dass es zwei, drei Leute in deinem Leben gibt, die dich über längere Zeit hinweg begleiten: die erste große Liebe, dann die dazwischen und die, bei der du bleibst. Aber ich frage mich natürlich schon auch, ob ich je wieder so lieben kann, wie bei der ersten großen Liebe.

Ich sehe es ja nicht nur bei meinen Großeltern, sondern auch bei meinen Eltern, dass die Liebe auch über Jahrzehnte bleiben kann – bei meinen Eltern ist ja auch noch das gemeinsame Unternehmen als Reibefläche dabei. Meine Generation läuft halt oft Gefahr, viel zu rasch nach links oder rechts zu swipen, einfach, weil sie es kann. Weil heute alles möglich ist, ist es vielleicht nicht mehr so leicht, an der einen, großen Liebe festzuhalten – weil du dich viel zu leicht und zu schnell ablenken lässt.

Weil du gerade das gemeinsame Unternehmen deiner Eltern angesprochen hast: Könntest du dir vorstellen, mit deinem Partner zusammenzuarbeiten?

Nein, ich glaube nicht. Andererseits: Wer hat ein Verständnis für meinen Alltag? Jemand, der diesen Alltag auch kennt. Ich glaube, so ein Mischkonstrukt wäre geil – niemand, mit dem ich arbeite, aber jemand, der meinen Alltag auch von sich aus kennt. Letztlich versuche ich aber, mich davon nicht beeinflussen zu lassen – weil, wo die Liebe hinfällt …

Dein Ex-Freund wird vermutlich deine zuvor angesprochene erste große Liebe gewesen sein, kannst du dich noch an deine erste große Schwärmerei erinnern?

Bei mir war das ganz sicher mein Nachbar, auch wenn er das jetzt vielleicht nicht hören möchte (lacht). Wir sind gemeinsam in den Kindergarten und in die Volksschule gegangen und bis heute befreundet und als Kinder haben wir immer überlegt, welches Haus wir dann gemeinsam übernehmen werden: sein oder mein Elternhaus. Wenn man jung ist, verliebt man sich auch oft (lacht).

Das ist glaube ich auch das, was du zuvor mit dem „nach links und rechts swipen“ angesprochen hast: Das Neue ist halt oft, für den ersten Moment, auch einmal „interessanter“ und auch „einfacher“, weil befreit von allen Lasten …

Genau.

Macht Liebe blind?

Ja, oder zumindest: blenden. Blenden davor zu schauen, was du möchtest.

Wodurch unterscheidet sich Romantik von Kitsch?

Ich brauche nicht, dass man mir jeden Tag sagt, wie gern man mich hat. Ich brauche nicht jeden Tag einen Blumenstrauß. Ich brauche auf Instagram nicht ständig Pärchenfotos. Das ist für mich Kitsch, das ist für mich unecht. Romantik ist, wenn beide nach einem harten Tag heimkommen und man sich trotzdem Zeit füreinander nimmt. Oder: Ich habe Angst vor Zahnärzten, der Geruch einer Ordination löst in mir etwas aus. Romantik ist dann, wenn er das weiß und mitgeht, zum Beispiel. Romantik ist, wenn es nicht jeden Tag passiert und nicht jedem gezeigt werden muss – Kitsch ist etwas, das nach Außen transportiert wird, Romantik ist etwas, das zwischenmenschlich passiert.

Du hast bereits mehrfach im Gespräch angesprochen, dass Liebe keine Selbstaufgabe sein darf. Demnach sollte in einer Beziehung auch nicht immer von einem kollektiven „Wir“ ausgegangen werden – „wir sind jetzt müde“, „wir sind hungrig“, „uns ist kalt“ …

Richtig. Das ist das Problem, dass das ganz viele machen. Wenn du eine Familie mit Kindern hast, dann ist das vielleicht eher ein Konstrukt, wo du öfters von einem „wir“ ausgehst …

Wie gehst du mit Eifersucht um?

Ich glaube, ich bin nicht sonders eifersüchtig. Wenn man einander vertraut, ist man nicht so eifersüchtig, aber so ein bisschen Eifersucht braucht man – das zeigt auch die Wertschätzung, dass der andere einem wichtig ist.

Du schreibst deine Songs auf Deutsch, kannst du dir vorstellen, dass du zum Zwecke der Breitenwirksamkeit auch auf Englisch über deine Gefühlswelt erzählst?

Ich denke auf Deutsch, ich liebe auf Deutsch und deswegen will ich auch auf Deutsch singen – aber zuhause schreibe ich auch, für mich, englische Songs. Vielleicht passiert mit denen auch einmal was. Wie ich schon gesagt habe, ich bin nicht abgeneigt, auch einmal etwas anderes als Deutsch-Pop zu machen. Ich bin gerne mit meinem Hintern auf fünf verschiedenen Kirtagen (lacht).

Welche drei Songs aus dem Album würdest du für dich persönlich am ehesten exemplarisch voranstellen?

„Bild ohne Filter“, weil der sagt, dass du genau so sein sollst, wie du eben bist. In dem Song singe ich davon, dass ich keine Highheels oder kurze Röcke anziehen oder mich großartig schminken will – nur, weil es die Generation Instagram von jungen Frauen gewissermaßen „verlangt“.

„In meinen Augen“, weil man nicht nur immer das Schlechte mitnehmen soll. Ein Freund hat mich mal gefragt, ob ich es bereue, sieben Jahre in einer Beziehung gewesen zu sein, die dann doch nicht funktioniert hat. Nein, weil ich bin jetzt der Mensch, eben auch weil ich sieben Jahre in dieser Beziehung war.

„Wie krass du bist“ – der Gute-Laune-Song. Neben der eigentlichen Familie ist das wichtigste auf der Welt, die Freundschaften, die du hast.

Das Schöne ist auch, dass das Kostüm dieser drei Songs so unterschiedlich ist und sie die Bandbreite zeigen, die ich mache.

Da du gerade die Augen angesprochen hast: Worauf schaust du bei einem Menschen zuerst?

Aufs Lächeln, das ist voll wichtig für mich. Und auf die Hände und wie er oder sie gestikuliert. Das ist für mich so wie viele andere die Augen als Spiegel zur Seele wahrnehmen.

Sind das auch die Dinge, die du an dir selbst magst?

Ja, mein Lächeln mag ich voll. Ich glaube, das kann ansteckend sein (lacht). Meine Hände sind glaub ich ganz normal, die passen schon so wie sie sind (lacht). Mir wird oft gesagt, dass ich eine sehr offene Art habe und dass man sich sehr schnell in meiner Umgebung wohlfühlt, ich glaube das ist mir beim Gegenüber dann auch sehr wichtig, dieses Gespür.

„Ohne Filter“ von Tina Naderer erscheint am 4. Juni auf GRIDmusic, live wird das Album im Oktober in ganz Österreich vorgestellt – Tickets gibt es bei oeticket.com.

08.10.2021 Dornbirn, Conrad Sohm
10.10.2021 Orpheum, Graz
14.10.2021 Rockhouse, Salzburg
15.10.2021 St. Pölten, Freiraum
16.10.2021 Linz, Posthof, Kleiner Saal
17.10.2021 Pörtschach, Congress Center
27.10.2021 Wien, WUK