Utopisch schöner Tag: Musik aus Österreich

Zirbs Malakoff

Peter Zirbs stellt diesen Freitag seine neue EP „On a Beautiful Day“ vor, Jiri Malakoff sein neues Album „Finding Utopia“.

Der Wiener Elektronikmusik-Produzent und Multiinstrumentalist Peter Zirbs veröffentlicht heute mit „On A Beautiful Day“ eine neue EP, die durch die aktuellen Geschehnisse in der Welt eine starke prophetische Note bekommen hat.

Auf seinem international viel gelobten Album-Debüt „What If We Don’t Exist?“ aus dem Jahr 2018 ging Zirbs noch der großen Frage nach, ob wir überhaupt existieren. Zirbs‘ musikalischer Mix aus futuristischem Synth-Pop, anmutigen Ambient-Sounds und Minimal Music, bewog einen amerikanischen Musikkritiker sogar dazu, David Bowie’s legendäres Album „Low“ als Vergleich heranzuziehen.

Auf seiner neuer EP „On A Beautiful Day“ sind es nun vielmehr die Gleichzeitigkeit und Gegensätzlichkeit unserer Zeit, die Zirbs faszinieren. Die Phase, durch die wir als Menschheit aktuell gehen – vom Zusammenbruch bis zum Neuanfang – und das ganz Persönliche in diesem Prozess. Was vor einem Jahr undenkbar schien, ist jedenfalls mittlerweile Alltag geworden.

Mit dem charismatischen, ehemaligen Archive-Frontman Craig Walker hat sich Zirbs für die Single „Locked In“ einen internationalen Gast ins Studio eingeladen, der bereits im Herbst vergangenen Jahres die Lyrics zum Song schrieb und dazu von einem alten Interview mit der legendären Sängerin Nico inspiriert wurde. Heute lesen sich diese damals getexteten Songzeilen erschreckend aktuell.

Als zweite Gastkünstlerin sorgt die herausragende Sängerin und Songwriterin Loretta Who mit „Wasted“ für einen der beiden großen emotionalen Höhepunkte auf der EP. Bombastische, elektronische Arrangements treffen hier auf eine zerbrechlich-sanfte Stimme – selten wurde menschliche Entfremdung charmanter in einen Song verpackt.

Mit dem hypnotischen „The Grand Blackout“ und dem energetischen Track „Intensive Care Unit“ beweist Zirbs auch instrumental wieder seine Klasse und Fähigkeit, spielerisch zwischen Minimal Music und seinen frühen musikalischen Wurzeln zu wechseln. Zur Freude seiner Fangemeinde.

Jiri Malakoff heißt eigentlich Georg, und der Nachname ist von der berühmten Mehlspese geklaut. Dass er heute Musik macht, liegt daran, dass er von Kleinauf immer mit Musikinstrumenten umgeben war, er hatte einen älteren Bruder, der schon immer Musik gemacht hat – am Klavier oder auf Gitarren. Geprägt hat ihn sein Bruder mit Folk, Rock und den Klängen der Achtziger Jahre. Über sein neues Album „Finding Utopia“ weiß der Wiener Autor, Fotograf und Videojournalist Roland Hagenberg zu urteilen:

Ich bin Jiri nur einmal begegnet und dann war er weg, unauffindbar wie ein Hofnarr auf der Flucht. „Fuck it, Jiri!“ habe ich gesagt, weil er ein paar Soundabdrücke in meinem Kopf hinterlassen hatte, ohne Erlaubnis. Diesen 80er-Jahre-Beat zum Beispiel, reingeworfen in die Trocknertrommel für einen Remix-Quickie, samt Buntwäsche, danach gebügelt, gefaltet und wieder zerlegt – mit der höhnischen Aufforderung „Collide with me!“ und „Dance, or you’ll be left with nothing!“. Also wirklich. Fuck it, Jiri! NIcht mit mir! Doch je mehr sich mein guter Geschmack gegen sein hartnäckiges Harlekinverhalten wehrte, desto häufiger legte er Spuren, um mich in seine Musikrepublik zu locken. Da war dieses Uhren-Tick-Tack, ein gemächliches Dahinsinnieren durch einen wehmütigen, synthetischen Märchenwald. „How much I’m lost“ singt er und bekennt, dass sein ganzes Leben falsch war. Der Joker steht auf der Bühne, hat Anstand und schüttet sein Herz aus. Soll ich ihm deshalb gratulieren, vertrauen, entgegenkommen? No way! Aber dann ist er wieder ganz der Realist, der Spiegelvorhalter an einem Sonntag Nachmittag in der biederen Eingegrenztheit des Lebens. „The gloom spits dirt“ verkündet er im zweiten Song „Utopia“. Diesen Satz nehme ich ihm auch auf Deutsch ab. „Trübe Stimmung spuckt Dreck!“ Genial! Da wachsen Bilder wie Psycho-Algen aus der langweiligen Vorstadt, dem Dorf an der Grenze, wo das Licht trüb ist im Plastikfensterrahmen und lethargisch im Bett mit dem Traumurlaub. Überschätzt sich Jiri, wenn er uns da einen Ausweg finden will zu einer Utopie? Ist er anmaßend? Wenn ja, dann nochmals: Fuck you! Wenn nein, dann Hut ab vor seiner scheinbar inkohärenten Selbstdarstellung, kostümiert unter Diskokugeln, wo er mit unseren Gefühlswelten kokettiert. Dann war ich oft geneigt zu sagen: „Mein Gott, Jiri, wenn du so weiter machst, landest du noch in den Armen unverbesserlicher Existenzialisten!“ Und wieder war er weg und wieder hat er wie zufällig seine Werkzeuge als Wegweiser liegen lassen: Gitarre, Bass, Synths und Schlagzeug. Mit diesen verleiht er seiner Sprache die melodische Visualität des Zeitreisenden. „Find Utopia“ oder „I am a loner, I’m hiding from you“ sind dann eingebettet in psychedelischem Moos. Auch „Strong“ setzt einen Sehnsuchtsmischmasch in Marsch, zu einem vergangenem Beat oder zukünftigen Pop, um sofort wieder der Jiri-Synästhesie zu verfallen, seinen vermischten Sinnesebenen. So clean und schräg ist alles bei ihm, dass man sich selbst zu fragen beginnt „Will the answer ever come?“ – zu hören in „Floorfiller“, wo er von der Flucht mit einem Mädchen aus einer biederen Vorstadt-Dystopie fantasiert. Macht sie mit, wenn er ihr ein Auto kauft, nur um dann vor ihm selbst zu flüchten? Und überhaupt: kann Jiri das durchhalten? Das Versteckspiel, das Hin und Her zwischen Verkleidung und dem experimentellen Sound-Selbst. Bin ich ihm vielleicht während der Fährtensuche selbst auf den futurischen Retro-Leim gegangen, aufs Glatteis geführt worden? Wenn ja, fuck you, Jiri! Wenn nein, danke für den LSD-Trip ohne chemisches Zutun, während Lamettastreifen auf der Landstraße treiben, irgendwo im Grenzbereich, im neuen, normalen Jetzt und maskiert in die nächste Utopie.

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