Vader: aus der Tiefe und in die Tiefe

Vader

Wie auch schon letzten August beehren uns die Polen Vader nun wieder zum Jubiläum ihres zweiten Albums „De Profundis“ („aus der Tiefe“). Wir haben uns vergangenen Sommer mit Bandkopf Peter über das Album, Katzen und Krieg unterhalten. Ziemlich zeitgemäß.

Vader zu „De Profundis“-Zeiten

Vader, vergangenen August im Viper Room, war eines der wenigen Metal-Konzerte seit Anfang der Corona-Pandemie, das in Österreich stattfinden konnte – zudem noch dazu als Stehplatzkonzert und ohne Maske, mit Alkoholausschank, also eigentlich wie in „grauen Vorzeiten“. Über „graue Vorzeiten“ anlässlich des Jubiläums zum klassischen Vader-Album „De Profundis“, Katzen und – beinahe prophetisch – über die Sinnlosigkeit eines Krieges haben wir uns mit Bandkopf Peter vor dem Konzert unterhalten.

Nun ist ein dreiviertel Jahr vergangen und Vader beehren uns kommende Woche erneut im Viper Room, erneut mit einem Fokus auf „De Profundis“, und erneut dürfen wir dem Death Metal frönen, ohne auf Geschichtswindel und Babyelefant zu achten.

Rober Fröwein: Peter, der Grund für die aktuelle Tour ist das 25-jährige Jubiläum eures Kultalbums „De Profundis“.

Durch das Jubiläum fanden wir es interessant, einen Teil des Sets mit diesem Album zu verknüpfen. Wir spielen nicht das ganze Album, aber sehr viel davon.

RF: „De Profundis“ war nicht nur für die Vader-Diskografie, sondern für die ganze polnische Szene und den Death Metal an sich extrem wichtig.

Jedes unserer Alben ist wichtig, aber die Fans haben „De Profundis“ als eines der wichtigsten auserkoren. Den Kult entscheidet nicht eine Band, das machen die Fans. Wir arbeiten immer weiter und kreieren Album um Album. „De Profundis“ entstand nicht unbedingt in der leichtesten Zeit für die Band. Damals endete der Vertrag mit Earache Records. Das Debüt „The Ultimate Incantation“ 1992 war die Krönung der gesamten ersten Banddekade. Wir haben so lange auf das Debüt warten müssen, aber aus Polen heraus war das damals normal. „De Profundis“ war dann das erste Album, bei dem der typische Vader-Weg eingeschlagen wurde.

RF: War „De Profundis“ das Gründungsmanifest für Vader, wie wir die Band heute kennen?

Das hast jetzt du gesagt. Für uns als Musiker war es einfach eine Weiterentwicklung. „The Ultimate Incantation“ war eine Zusammenfassung von gut fünf Jahren Material. „De Profundis“ war wesentlich frischer. Die Songs waren damals maximal ein Jahr alt. Das war der größte Unterschied zum Debüt. Ich habe damals noch immer meinen Gesangsstil gesucht, aber auf „De Profundis“ habe ich ihn ziemlich gefunden. Auch Drummer Doc hat sich damals gewaltig weiterentwickelt. Das Album war der erste Schritt zum nächsten Kapitel unserer Karriere. Wir waren nach Earache damals auch auf der Suche nach einem neuen Label. Wir haben das Album in Polen schon im September 1995 veröffentlicht, überall sonst auf der Welt erschein es aber erst im Februar 1996. Wir haben uns dann mit den Duisburgern von System Shock zusammengetan, die dann die nächsten Jahre mit uns verbracht haben.

Stefan Baumgartner: Du hast bereits angesprochen, dass letztlich die Fans über die Relevanz einzelner Alben entscheiden. Für mich ist es nach „The Ultimate Incantation“ vor allem „Litany“, das besonders durch das Schlagzeugspiel von Doc heraussticht. Aber gibt es für dich auch ein Album, das exzeptionell geraten ist?

Ich mag sie alle, sie alle sind Teil meiner Geschichte. In jedem von ihnen stecken meine jeweils aktuellen Emotionen, mit allen von ihnen habe ich viel Zeit während des Komponierens verbracht. Die Alben klingen ja nicht nur unterschiedlich, weil wir in verschiedenen Studios mit unterschiedlichem Equipment waren, sondern weil sich auch für uns als Band und für mich als Hauptsongwriter die Zeiten immer wieder geändert haben: Der Mensch denkt immer wieder anders, und das wirkt sich natürlich auch auf das künstlerische Schaffen aus. Letztlich entscheiden die Fans, wie ein Album ankommt – genauso wie ich auch von einigen Bands Fan bin und bei ihnen für mich entscheide, welche Alben ich mag und welche weniger.

SB: Ist es für dich dann gar nicht ärgerlich, wenn bei Livekonzerten die Stimmung bei Klassikern größer ist als naturgemäß bei neueren Songs, die dir aber vermutlich zum jeweils aktuellen Zeitpunkt näherstehen?

Ich, als Fan, tendiere dazu, von meinen Lieblingsbands auch gerne Songs zu hören, die ich vorher noch nie live erlebt habe. Deswegen haben wir auch keine Setlist, die sich über die Jahre unverändert durchzieht – das wäre eine Routine, die mir zuwider ist. Wir mögen Veränderung, zumal wir ja doch auf eine lange Karriere zurückblicken können und so unterschiedliche Schwerpunkte setzen können – da bleibt es nicht nur für uns, sondern auch für die Fans spannend.

SB: Wechselt ihr Setlist auch während einer Tour?

Für eine Tour haben wir eine fixe Setlist, bei der ein paar wenige Songs wechseln können – aber der Kern, der Hauptteil, zieht sich schon durch. Ich muss auch eingestehen: Meine Erinnerung ist nicht mehr so gut, ich könnte nicht alle Texte, die ich je geschrieben habe, aus dem Stegreif memorieren (lacht). Und auf einen Teleprompter möchte ich nicht zurückgreifen – ich glaube, da geht – gerade im Death Metal – die Energie verloren, und die halte ich für sehr wichtig, viel wichtiger noch, als die Songs perfekt und wie auf dem Album nachzuspielen.

RF: 1995 – das Jahr von „De Profundis“ – war ein ungemein wichtiges Jahr für den Death Metal. Es erschienen unter anderem „Once Upon The Cross“ von Deicide, „Pierced From Within“ von Suffocation, „Symbolic“ von Death, „Domination“ von Morbid Angel oder „Eternal“ von Malevolent Creation. Gab es viel Rivalität in der Szene?

Die Rivalität fand eher früher statt, als wir jünger waren – aber auf freundschaftlicher Ebene. Es ging immer darum, wer am schnellsten spielen kann. Das änderte sich dann, als „Litany“ auf den Markt kam. Die Grindcore-Bands waren so schnell, dass das für uns keinen Sinn mehr machte, das zu übertreffen. Blastbeats waren für Vader immer wichtig, ein Kernelement, aber nach der „Litany“ haben wir andere Formen des Extremen gefunden. „Revelations“ hat anfangs einige Fans geschockt. Der Sound war anders und es gab viele langsame Parts, gerade der letzte Song war extrem getragen, das mussten die Leute erst einmal verdauen. Aber auch die „Litany“-Fans haben etwas an „Revelations“ gefunden, weil es eben anders war.

SB: Ihr seid ja auch nicht AC/DC, wo die komplette Discographie gleich klingt.

Ein bisschen schon, vielleicht (lacht). Wir sind definitiv auch keine Band, die sich von Album zu Album komplett verändert, nur um zu zeigen, dass wir es können. Unsere Fans erwarten letztlich auch einen bestimmten Stil von uns, und das sollten wir ihnen, aus Respekt, auch geben – immerhin haben sie uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Wobei das für uns keine Einschränkung bedeutet, ich betrachte Vader immer auch aus der Fanperspektive. Aber natürlich kannst du nicht immer alle Fans zufriedenstellen – aber glücklicherweise gibt es Bands wie Sand am Meer und Death-Metal-Fans finden sich immer etwas Neues zum Hören.

SB: Hörst du auch neuere Death-Metal-Bands oder bist du tendenziell den Altvorderen verhaftet?

Ich bin nicht mehr so hungrig, Neues zu entdecken, wie früher. Aber wenn ich etwas höre, das mich anspricht, dann verschließe ich mich auch neuen Bands nicht. Heute ist auch eine viel größere Bandbreite da – früher hattest du eine Handvoll an Bands, die du hören konntest und manchmal gab es eine aufs Maul, weil du diese oder jene besser fandest, als eine andere. Heute gibt es so viel Auswahl, da kannst du nicht mehr alles hören, was veröffentlicht wird – aber andererseits wird auch jeder irgendwo glücklich. Vieles im Metal verstehe ich heute nicht mehr, aber das heißt nicht, dass ich diese Bands hasse – ich verstehe auch kein Chinesisch, habe aber nichts gegen die Leute (lacht).

SB: Sammelst du noch CDs oder Vinyl?

Platten, ja. CDs kaufe ich nur dann, wenn es keine Platte von dem Album gibt. Ich war sehr glücklich darüber, dass es nach einer Durststrecke heute wieder so viele Platten gibt – ich mag das Großformat einfach. Bei Platten sieht man beim Cover jedes Detail, außerdem ist das Auflegen hier wie ein Ritual, du musst die Platte säubern, sie vorsichtig behandeln – es ist fast wie bei einem Kleinkind, das man nicht einfach irgendwo ins Eck pfeffern kann, so wie eine CD eben. Aber vielleicht liegt das auch an meinem Alter, da ich mit Platten aufgewachsen bin … Sowas prägt. Im Polen der Achtziger war eine Vinyl-Platte auch wirklich schwarzes Gold – die waren so teuer, dass man sich nicht mehr als fünf Platten oder so leisten konnte. Die, die man hatte, machten dann meistens die Runde und wurden auf Tapes überspielt.

RF: Du warst auch schwer von Depeche Modes „I Feel You“ inspiriert. Gab es immer sehr viel Raum für Musik außerhalb des Metals?

Ich würde lügen, wenn ich mich als Fan bezeichnen würde. Sie waren eher die Feinde. Wir haben aber „I Feel You“ gecovert, das war ein kluger Schachzug. Wir wussten, dass die Band in Polen ziemlich populär ist und wollten ihren Song covern, uns ihn aber auch ein bisschen zu eigen machen. Auf der anderen Seite der Single war mit „An Act Of Darkness“ ein typischer Vader-Song zu hören. Viele Metalheads haben Depeche Mode gehasst, standen der Musik skeptisch gegenüber. Auf der anderen Seite bekamen wir gutes Feedback von den Depeche-Mode-Fans für unsere Version. Wir, als Band, die sie hassten! Damit hatte keiner von uns gerechnet. Das war nicht unbedingt unser Vorhaben, aber es hat gut funktioniert.

RF: Hast du dir mal überlegt, ob ein Coveralbum mit obskuren Versionen von Mainstreambands interessant wäre?

Nicht jede Mainstream-Band ist beschissen. Es gibt sehr viel gute Musik da draußen und du musst das Richtige für dich finden. Depeche Mode haben auch Songs und Alben, die mir gefallen. Dasselbe gilt für Dead Can Dance oder Billy Idol. Ich liebe die Gitarren und Riffs, sie sind extrem hart. Madonna in den Achtzigern war auch großartig. Wir waren einmal mit Morbid Angel auf Tour und da kam Madonnas „Frozen“ raus. Wir haben uns alle das Album angehört und konnten nicht glauben, dass wir es so gut fanden.

RF: In den ganz frühen Tagen war dein Pseudonym Behemoth. Hat das schlussendlich Behemoth-Frontmann Nergal inspiriert?

Frag ihn, ich glaube nicht. Ich habe nie ernsthaft mit ihm geredet. Wir hatten in der Vergangenheit ein paar Chancen miteinander zu quatschen, aber er war mehr in der Black-Metal-Szene verhaftet. Das waren die Feinde für alle anderen Genres und als sich die Dinge wieder normalisierten, waren sie bereits extrem populär. Ich will nichts Schlechtes über ihn sagen, aber seine Persönlichkeit ist mir völlig unbekannt. Wir respektieren uns, und das passt auch so. Behemoth haben extremen Erfolg mit ihrer Musik. Das freut mich, denn sie sind immer noch eine polnische Band.

RF: Wenn wir nur von der Geschwindigkeit und puren Aggression reden, hatte euer „Litany“-Album auf den Death Metal denselben Einfluss gehabt, wie Marduks „Panzer Division Marduk“ auf die Black-Metal-Szene?

Da musst du auch wieder die Fans fragen und nicht mich. Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich kann nur hoffen, dass es so war. „Litany“ ist in der Vader-Diskografie definitiv das extremste Album. Es entstand sehr einfach und schnell. Die Kickdrums wurden im finalen Mix zu sehr in den Vordergrund gemischt. Ich hasse das, es war ein Fehler, aber dieser Fehler lässt das Album so speziell klingen (lacht). Deshalb lieben so viele Fans das Album. Wenn du es laut genug aufdrehst, dann klingt es fast wie Techno.

SB: Ähnlich wie bei Metallicas „Justice For All“: Viele bemängeln den Sound, aber die Songs darauf sind indiskutable Klassiker.

Genau. Und letztlich ist die Produktion auch nur ein Teil des Albums – wenn Metallica jedes Album so wie ihr schwarzes Album aufgenommen hätten, wäre jedes vielleicht perfekt ausbalanciert, aber das wäre doch langweilig, nicht wahr? Manchmal klingt ein beschissener Sound auch viel geiler als ein perfekter. Letztlich kannst du ja live dann die Stücke der einzelnen Epochen miteinander gut vergleichen, wenn du einen durchgehenden Livesound hast … Das macht für mich Livekonzerte immer wieder spannend.

RF: Wie wichtig ist die richtige Stimmung für die Aufnahme eines Albums? Wart ihr bei „Litany“ aggressiv und angepisst?

Die Stimmung ist immer das Wichtigste. Wir arbeiten nie am Material, bevor wir ins Studio gehen. Dort entsteht die Musik. Der Plan steht davor, aber der Sound die Songs entstehen dort. Wir jammen nicht vorher, sondern erledigen das auch im Studio. Nicht alle verstehen das, aber so haben wir immer aufgenommen. Das Endergebnis zählt. Du kannst nicht den perfekten Song schreiben, denn das entscheidest nicht du, sondern es entscheiden die Fans. „Carnal“ oder „Cold Demons“ waren etwa nach ein paar Minuten im Studio erledigt und wurden zu Hits. Bei anderen Songs habe ich ewig herumgeschraubt, alles probiert und die Leute waren nicht groß begeistert. Ich habe schon vor Jahren aufgehört groß darüber nachzudenken und folge lieber meinen Instinkten. Die richtige Stimmung ist wichtig, weil sie ein Album prägt. Im Studio muss ich dann ruhig sein. Dort baue ich eine Wand um mich herum auf, um mich auf die Musik fokussieren zu können. In einer schlechten Stimmung könnte ich kaum ein Album schreiben.

RF: Was war in den knapp 40 Jahren Vader die beste Zeit in der Band und gab es auch eine, die richtig schlimm war?

Ich wollte nie mit der Band aufhören, so schlimm war es nicht. Die Probleme, die um uns herum existieren, dürfen einen nicht brechen. Ich bin wer ich bin und ich habe nie aufgegeben, nur weil sich Probleme in den Weg stellten. Auch wenn das ernsthafte Probleme waren. Ich entwickle mich und adaptiere und gehe einfach weiter. Ich denke nicht tiefsinnig darüber nach, warum Dinge passieren. Die Probleme stellen sich sowieso immer in den Weg. Man muss sie aber aus dem Weg räumen.

SB: Du hast vorhin bereits erwähnt, dass du dir nicht mehr all deine Texte merken kannst, Death Metal zu spielen ist aber auch körperlich eine Herausforderung. Wie hältst du dich nach all den Jahren für eine lange Tour fit?

Vader existiert, um zu touren – wir nehmen Alben auf, um neue Songs zu haben, aber den wirklichen Spaß haben wir auf der Bühne. Ich kann mir Vader eher ohne ein neues Album vorstellen, als nicht mehr auf der Bühne (lacht). Ja, ich bin heute ein alter Sack und ja, die Touren dehnen sich heute auch nicht mehr über Monate hin – aber das liegt nicht nur an mir, auch die anderen in der Band haben Verpflichtungen wie Familie oder Jobs und wollen nicht wochenlang unterwegs sein. Deswegen versuchen wir, einen guten Mittelweg zu finden – aber ein Musiker, der nicht auf Tour gehen will, wird sich nicht lange in der Band halten können. Da bin ich der letzte, der bremst, und der erste, der Gas gibt (lacht).

SB: Das aktuelle Line-up hält sich jedoch bereits seit 2011 …

Ja, ich glaube, es war der 10. August vor 10 Jahren, wo James das erste Mal mit Vader spielte. Das war auf einem Festival in Polen, wo auch Judas Priest, Exodus, Morbid Angel, Cannibal Corpse und noch ein paar andere spielten. Ich finde das gut, ein stabiles Line-up ist wichtig – denn da kannst du dich wirklich auf die Musik konzentrieren und musst dich nicht um anderen Scheiß kümmern. Wir verstehen uns gut untereinander, was in der Vergangenheit nicht immer so war. Aber jetzt, nach 10 Jahren, möchte James auch etwas anderes machen – etwa als Session- oder Live-Schlagzeuger von Decapitated und Belphegor. Das war für mich bisher kein Problem, solange Vader seine Priorität bleibt und er etwaige Ersatzschlagzeuger für uns entsprechend einlernt. Aber das wird nicht auf ewig so bleiben können. (Mittlerweile wurde er durch Michal Andrzejczyk ersetzt. Anm.)

SB: Würdest du Vader als Demokratie oder als Diktatur sehen – immerhin bist du das einzig verbliebene Gründungsmitglied …

Eine Band ist immer eine Kombination aus unterschiedlichen Talenten. Ja, ich bin vielleicht der Kopf der Band – auch, weil ich am längsten dabei bin –, aber das, was du auf der Bühne siehst, ist ein Zusammenspiel von vier kreativen Köpfen. Ich hatte das Glück, bereits mit sehr vielen talentierten Musikern zusammenarbeiten zu dürfen, nicht alle haben aber die Intensität, in der Vader existiert, mitmachen wollen, oder die Persönlichkeiten untereinander haben nicht harmoniert – da muss ich, als Bandkopf, dann natürlich Entscheidungen treffen. Im Studio, worauf deine Frage vielleicht eher abzielt, ist es so, dass jeder von uns Ideen einbringt und wir gemeinsam jammen und die einzelnen Ideen als Band ausprobieren. Und auch wenn ich im Studio einmal eine Basslinie einspiele, dann erwarte ich nicht vom Bassisten, dass er selbe auf der Bühne Note für Note nachspielt – der Vibe muss nur der gleiche bleiben, wir sind immerhin keine Freejazz-Band (lacht). Die Schlagzeuger haben es bei Vader immer am schwersten – ich kann ihnen nur grobe Strukturen vorgeben, aber was genau passiert, das müssen sie sich selbst ausdenken, weil Schlagzeug auf dem Niveau kann ich nicht (lacht).

Stefan Baumgartner und Robert Fröwein im Gespräch mit Peter von Vader (Foto: Andreas Graf)

SB: Nachdem ihr aktuell den Fokus auf „De Profundis“ legt: Welche Band mit welchem Set würdest du gerne sehen?

Ich sehe gerne Songs live, die ich vorher noch nie live gehört habe. Die Setlist von Judas Priest vom „Bloodstock“-Festival war fantastisch – „Invader“ oder „One Shot at Glory“ habe ich noch nie live gesehen! Ich würde auch Slayer gerne noch einmal sehen – ich bin sogar nach Tokio geflogen, um sie auf ihrer Abschiedstour zu sehen! Ja, ich habe Slayer schon oft live gesehen, nicht immer haben sie so geklungen, wie ich mir das vorgestellt habe, aber Slayer sind schon sehr wichtig für mich – und vielleicht passiert es ja irgendwann einmal wieder, dass sie gemeinsam auf der Bühne stehen. Das wäre dann sicher ein besonderes Erlebnis für mich.

RF: Hast du dir auch die Songs von KKs Priest angehört?

Ich habe sie vor drei Jahren live in Birmingham gesehen. Mit Dave Ellefson am Bass, Ripper am Mikro und Les Binks am Schlagzeug. Für mich war das ein Wahnsinn. In Wolverhampton hat KK seinen Laden „Steel Mill“. Das war für mich wie Judas Priest in den Achtzigern zu sehen. Menschen aus aller Herren Länder haben die kleine Venue gefüllt und sie spielten Songs von der „Killing Machine“ und andere alte Songs. Ich habe Judas Priest nie in den frühen Tagen gesehen und habe mir immer vorgestellt, wie es sein würde, „British Steel“ zu sehen. Es war unglaublich.

SB: Erinnerst du dich an deine erste Band, die du live gesehen hast?

Das war irgendeine lokale Artrock-Band – wir nannten das damals „Metal“, weil sie auch AC/DC und Co. coverten. Das war mein Ansporn, mir einen Bass zu kaufen und selbst Musik zu machen – da muss ich wohl 14 oder 15 gewesen sein. So um 1982 herum, kurz vor der Gründung von Vader, bin ich dann auf Gitarre gewechselt.

RF: Neben dem Metal hast du auch eine softe Seite an dir. Du magst Katzen und besitzt auch einige …

Ich liebe Tiere an sich. Ich habe Biologie studiert. Ich durfte früher nie Katzen haben und bei meiner Frau Marta war das familiär dasselbe Problem. Mittlerweile besitzen meine Frau und meine Tochter Katzen, die sogar Wettbewerbe gewinnen! Es ist nicht nur eine Katze, es ist eine eigene Zucht und sie war sogar unter den Top-3 weltweit. Ich habe aufgehört sie zu zählen, aber wir dürften so 40 oder 50 daheim haben. Ein paar muss man voneinander trennen, weil sie sich nicht verstehen und Privatsphäre benötigen. Auch die Babys werden voneinander getrennt, besuchen eine Art „Kindergarten“ und kommen dann erst mit älteren Katzen zusammen. Irgendwann verstehen sie sich besser, auch mit den Menschen. Hier wird aber keine Katze in einem Käfig gehalten, aber man muss sie behutsam aufbauen.

RF: Ist die Katzenzucht dein Plan-B, sollte sich Corona noch länger auf deinen Brotberuf mit Vader auswirken?

In den letzten eineinhalb Jahren waren die Katzen tatsächlich mein Hauptjob. Aus Sicht der Band haben wir Lizenzen verkauft und uns mit Online-Merchandise über Wasser gehalten, und ein bisschen mit Streaming. All das hat gerade zum Überleben gereicht. Ich glaube aber an die Impfungen und solange nicht rund 80 Prozent aller Menschen geimpft sind, werden wir immer Probleme haben. Die Pandemie existiert, Menschen sterben. Es ist dämlich zu glauben, das wäre nicht echt. Die Impfung verspricht keine Heilung, aber sie schützt. Das müssen die Menschen halt einmal verstehen. Egal, welche Variante gerade über dich hereinbricht, durch die Impfung wird es besser. Wären nicht sofort alle auf Urlaub gefahren, hätten wir vieles schon früher hinter uns bringen können. Ich würde aber lieber am Virus sterben, als den Rest meines Lebens in meinem Haus gefangen zu sein. So kann es auch nicht ewig weitergehen. Natürlich verwenden die Politiker die Situation zu ihren Vorteilen, aber das haben sie schon immer gemacht. Sie haben die Situation aber nicht heraufbeschworen, sie nutzen sie nur aus.

SB: Neben Katzen hast du dein Herz auch Kriegs- und Militärzeug geschenkt …

Das begann ganz typisch damals mit Modellen – ich glaube, sogar ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, wo ich die ersten Songs für „De Profundis“ schrieb. Ein Freund von mir, der auch Metal hörte, besaß damals schon einige und ich war begeistert davon, wie detailgetreu und gut die aussahen. Das erste Modell, dass ich damals dann selbst baute, war ein Kübelwagen, der erste Panzer dann ein polnischer Commando 1, dann ein Tiger. Die nächsten Jahre hatte ich dann weniger Zeit dazu, mich wirklich in Ruhe hinzusetzen und Modelle zu bauen, aber ich kaufte einfach diverse Boxen, die bis heute teilweise noch nicht einmal alle aufgebaut sind (lacht). Die Modelle, die ich mir heute kaufe, sind natürlich noch viel besser und detailgetreuer als damals in den Neunzigern – das ist schon unglaublich faszinierend.

Ein anderer Freund, Erik, brachte mich auf Rollenspiele. Ich besaß damals eine Wehrmachtsuniform, voll ausgestattet mit Helm, und so sind wir dann durch die winterlichen Wälder gestreift und hatten auch Replikas von Waffen aus dem 2. Weltkrieg und hatten uns spielerisch mit Freunden, die als Amerikaner verkleidet waren, bekriegt. Aber keine Sorge, im Anschluss saßen wir alle ganz friedfertig bei einem Bier zusammen (lacht). Ja, wir haben Krieg gespielt – aber wir waren alle befreundet; das mutet vielleicht seltsam an, aber für uns war das als Jugendliche eine tolle Sache. In Polen wurde das damals auch nicht so eng wie in Österreich oder Deutschland gesehen, wenn du dich mit einer SS-Uniform verkleidest. Außerdem ist in einem bestimmten Alter das Verbotene oder Anrüchige immer interessant. Ein paar von uns haben auch in einschlägigen Filmen immer wieder als Komparsen einen Auftritt gehabt (lacht).

Als ich dann älter geworden bin, sammelte ich dann immer bessere Replikas, teilweise auch Originale – und las natürlich auch viele Bücher, um mich mit den Hintergründen und der Geschichte auch tatsächlich auseinanderzusetzen. Das Wichtigste, das ich gelernt habe: Auch im Krieg darf man die andere Seite nicht als Feind sehen, sondern auch als: Mensch. Ich habe auch viel mit meinem Großvater über dieses Thema gesprochen, und er war tatsächlich im Krieg! Du darfst niemals den Fehler machen, falscher Propaganda aufzusitzen – damals waren die Russen auch nicht immer die Guten, etwa wenn sie die Häuser plünderten. Aber dafür manchmal die verfeindeten deutschen Soldaten sehr wohl, wenn sie zum Beispiel lediglich um Wasser baten und dann weiterzogen. All das habe ich von meinem Großvater gelernt – in der Schule gab es natürlich das Schwarzweiß-Denken: Die guten Sowjets, die bösen Deutschen.

Auch über all die Jahre hinweg habe ich immer wieder Menschen beider Seiten, die den Krieg tatsächlich miterlebt haben, kennengelernt und mich mit ihnen ausgetauscht – und ja, natürlich: Beide Seiten sind einer Propaganda aufgesessen und haben Gräueltaten gemacht, aber letztlich waren sie alle wie schon gesagt Menschen.

Was uns zur heutigen Zeit bringt: Mit all dem Wissen, dass ich mir über all die Jahre angeeignet habe, habe ich das Gefühl, dass dieses Propagandadenken in den letzten Jahren wieder immer stärker wird – und das ist sehr, sehr gefährlich … Krieg ist immer nur ein dummes, aussichtloses Gemetzel, bei dem die Menschen sterben, die nichts dafür können.

SB: Krieg ist letztlich keine Lösung.

Aber Teil der Menschheit, immer schon gewesen. Nur: Wenn es irgendwo auf der Welt passiert, gar auf einem anderen Kontinent, dann geht es uns nichts an. Wir in Europa können uns glücklich schätzen, dass wir uns so lange einen Frieden bewahrt haben. Aber diese Gefahr wird immer wiederkehren, weil wir immer dumme und gierige Menschen weitreichende Entscheidungen treffen lassen. Klar, Politiker sind auch nur Menschen und die Gier steckt wohl in jedem von uns – aber ich hoffe wirklich, dass meine Kinder in einem friedvollen Europa aufwachsen können.

Vader spielen ihr „De Profundis“-Spezialset am 26. April im Wiener Viper Room.

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