Videopremiere: „Prayer“ von Theotoxin

Theotoxin

Mit „Fragment : Erhabenheit“ legen die Wiener Black Metaller Theotoxin im September ihr drittes Album vor, das heute vorgestellte „Prayer“ ist vorab der zweite Höreindruck.

Nicht einmal am Stammtisch der katholischen Kirche wird die Glaubensfrage, bis zu welchem Alter man noch von Pädophilie spricht, so heiß diskutiert wie unter Black Metallern, was die Essenz ihrer Musik eigentlich ausmacht. Die einen gieren nach einem möglichst rustikalen Klanggebilde, das klingt wie das großmütterliche Zeter und Mordio zwischen ihren Kochtöpfen, für andere wiederum sind krude anti-paneuropäische Theorien die Quintessenz – zumindest dann, wenn der Deibel oder seine Anverwandten nicht mehr sinnbildlich für alles Böse in der Welt stehen können, weil bereits ausgelutscht. Unter besten Voraussetzungen ist dann zumindest der Sänger – gemeinhin Aushängeschild eines jeden Kollektivs – eine schwer geschundene Seele wie Körper gleichermaßen. So verkommt, solang man sich als verzweifelter Pflichterfüller gebärdet, Black Metal gern zum Kasperltheater – wie so oft, wenn Attribute nicht gelebt, sondern zwanghaft überhöht werden, alleine um in diesem oft maßlos bornierten Genre zu gefallen. Dann wird der Black Metal rasch einmal zum reziproken Schlager, bei dem halt nur keine heile Welt, sondern ihr exaktes Gegenstück verkauft wird. Dabei ist Black Metal letztlich so simpel wie genial, ein animalischer Exzess, ein gelebter Instinktschub mit Ausuferungen irgendwo zwischen kauzigem Geplärre und infernalischem Gedöns.

Die Wiener Theotoxin sind mit ihrem im September erscheinenden Drittling „Fragment : Erhabenheit“ mit das beste Beispiel dafür, dass gerade ein so exkludierendes, reduziertes, verdichtetes, stringentes Genre am trefflichsten gelingt, wenn man sich von den beinah religiös anmutenden Zwängen löst und die natürlichen, inneren Bedürfnisse frei galoppieren lässt. Freilich, auch bei Theotoxin finden sich Verweise, Charakteristika und Eigenarten des Genres wieder, sonst wären sie auch nicht Teil des Ganzen, kein im fauligen Schleim erblühender Homunculus – jedoch nicht wie am Reißbrett entworfen.

Hysterie und Dynamik

Bei ihnen wird deutlich, dass Black Metal einerseits vom Rhythmus lebt, der zumeist wütet, als stünde man im verschneiten Russland im Schützengraben, andererseits aber auch von der (teils ausufernden) Dynamik, ähnlich einem lodernden Flammengewirr: Der Lärm hier ist höllisch, präzise und vornehmlich brachial, dabei aber vielschichtig. Denn das Gaspedal wird nicht unentwegt bis zum Anschlag durchgedrückt und Theotoxin zelebrieren mit bleckendem Lächeln ihr Geschick, selbst im Panzer lässig zu cruisen („Prayer“) – wenngleich über knackendes Gebein. Der Stechschritt donnert, jedoch ohne Hast: Dass sich da Sänger und Neuzugang Ragnar nicht die Glottis abbeißt, ist fürwahr ein Mirakel. Dabei klingt sein himmelhoch lodernder Ödem gerade dann am abominabelsten, wenn man wähnt, ihm sei soeben eine Krähe ins bleckend aufgerissene Maul gekrochen und elendiglich verreckt; Nämlich dann, wenn sich seine Stimme im japsenden Rausch ins Hysterische überschlägt, im Zweikampf mit den Todesklängen der Krähe tritt, man beinah um seinen Geisteszustand fürchten mag und einen Blutsturz in seinen Augäpfeln erahnt  („Sanatory Silence“). Diese Manie peitschen insbesondere Schlagzeug aber auch die Gitarren voran, mit einer Eiseskälte, die unvorbereitet in höllische Tiefen fährt, dort nach Magma giert und mit Glut um sich wirft, bevor sie klirrend alles erstarren macht („Golden Tomb“). So dröhnt „Fragment : Erhabenheit“ und führt dabei an alle Ecken, nur nie ans Licht: Theotoxin sind der Würgeengel, der durch die Misere einer Existenz ins Verderben geleitet, jeder einzelne Musikus fungiert dabei als ausgeklügelter Teil des Kollektivs, im Irrsinn vereint, als Berserker, der bluttrunken über Leichenberge und durch Schützengräben hinweg taumelt und sich ekstatisch an der Penetration der umwehenden Salvengeschosse labt („Through Hundreds of Years“).

Im Zwiegespräch mit Pandora

„Fragment : Erhabenheit“ klingt von den ersten Klängen bis hin zum Schlussakkord nach der Büchse der Pandora, und Pandora, sie bringt Aussichtslosigkeit und Verzweiflung. Und Ragnar, er keift und geifert weiterhin in Pandoras wütenden Mahlstrom hinein, spuckt gelblich triefende Galle, als hätten sich faulende Eiterbeulen in seinem Rachen aufgetan. Daraus resultiert eine gelungene Symbiose aus musikalischer Kompromisslosigkeit und einer Verbissenheit, sich jedweder Zwänge – musikalischer wie gesellschaftlicher Natur – zu befreien: Wir haben es hier mit einem Stakkato zu tun, dass das ihm zugrundeliegende Grauen nicht nur heuchelt, sondern in einer tonal inszenierten Zerrissenheit – hier sind wir wieder bei der Dynamik, die vor allem aus dem stimmlichen Tumult, aber auch dem Puls der Rhythmusfraktion erbricht – erlebbar macht.

Einen modernen Klassiker hat man – wenngleich mit „Golden Tomb“, „Philosopher“ und dem abschließenden „Sanatory Silence“ drei brillante Stücke vorliegen – mit „Fragment : Erhabenheit“ jedoch noch nicht erbrochen, auf dem Weg zur „künftigen Eva“ (nach Auguste Villiers de l’Isle-Adam das ideale Wunschbild) hat das absonderliche Experiment erst gestartet; Man hat sich von den teils schludrigen, manchmal juvenilen Künstlichkeiten der ersten beiden Alben gelöst – plakativ, dabei aber nicht grotesk ist man mittlerweile im Namen allein – und ist auf dem Weg zur trefflichen Synthese von Körper und Geist. Dabei wird der geneigte Hörer Teil des atemberaubenden Schaffensprozesses, der letztlich wohl durchs gleißende Licht hindurch in die ewige Finsternis führt, aber nie auf bereits ausgetretenen, sondern eigenen Trampelpfaden.

Dass dieser Versuch, sich fernab von reduzierten Klangmustern zu bewegen, nicht nur auf Verständnis und Wohlgefallen stößt, ist naheliegend: Wenn Kollege Johannes Paul Köhler im aktuellen Deaf Forever etwa von einer „Unentschlossenheit“ schreibt, dann ist das aber letztlich nur ein Zeichen von eigener mangelnder Reife und fehlendem Willen, sich mit dem Konstrukt näher auseinanderzusetzen; Denn das technische Handwerk, es sitzt, das Songwriting ist bedacht – nur eben nicht stupide nach Schema F: Der durch die – hier: fünf – apokalyptischen Reiter berittene Weg, er ist nebulös – doch die Vermutung liegt nahe, die Richtung stimmt.

Artwork: Jose Gabriel Sabogal

„Fragment : Erhabenheit“ wird am 11. September 2020 auf Art Of Propaganda (CD, Vinyl, digital) veröffentlicht und ist hier vorzubestellen.

Tracklist:

1. Golden Tomb
2. Obscure Divinations
3. Prayer
4. Through Hundeds of Years
5. Philosopher
6. Two Ancient Spirits
7. Sanatory Silence

Foto: Werner Nowak

Line-up:

Flo Musil – Drums
Joachim Tischler – Bass
Fabian Rauter – Guitars
Martin Frick – Guitars
Kurt Enzi – Vocals