Volbeat: Live spürt man mehr

Volbeat

Volbeat-Bassist Kaspar Boye Larsen im Interview über das neue Live-Album, Live-Gigs, seine Liebe zum Bass – und wieso es gerade von Vorteil ist, am Land zu wohnen.

Wäre Rock’n’Roll wirklich tot, wären Volbeat verdammt erfolgreiche Zombies: Rund fünf Millionen Alben hat die dänische Rock-Metal-Band rund um Frontman Michael Poulsen bisher verkauft; ihr einzigartiges Sound-Konglomerat, zu dem sich auch Country, Blues und Punkrock gesellen, sichert ihnen regelmäßig vorderste Plätze auf den angesagten Streaming-Playlists von Musikliebhabern weltweit. In Dänemark erhielten die Jungs bisher sechsmal Platin und fünfmal Gold. Zweimal Platin und viermal Gold wurde Volbeat in Deutschland verliehen, Jeweils zweimal Platin gab’s in Schweden und bei uns in Österreich. Ihr aktuellstes Album „Rewind, Replay, Rebound“ aus 2019 stieg sowohl bei uns, als auch in Deutschland und der Schweiz bis an die Spitze der Charts, in UK reichte es für Platz Sieben und in den USA immerhin für Platz 27.

Aber wahrscheinlich machen sich Michael, Rob (Gitarre), Kaspar (Bass) und Jon (Schlagzeug) gar nicht so viel aus Zahlen. Viel lieber lassen sie es auf der Bühne richtig krachen, spielen sich im lässigen Nimbus zwischen dem Freizeitparadies Welt und der mystisch-verklärten „Elvis-Metal“-Sphäre mit größter Hingabe an der Sache die im-Moment-verliebte Seele aus dem verschwitzten Leib und geben dabei der kollektiven Umarmung aus Hard Rock, Metal, Blues, Punkrock, Glam und Country ein musikalisches Gesicht, das zwar nicht verlebt aussieht, aber trotzdem sicht- und hörbar gelebt hat. Beyond Hell, Above Heaven eben. Logisch eigentlich, dass Volbeat seit Jahren zu den Stammgästen der großen Festivals gehören (u. a. Nova Rock!). Und auch die „Rewind, Replay, Rebound“-Tour vergangenes Jahr hätte Elvis, Kurt, Johnny, Janis, Axl und Ozzy (ups, die letzten zwei leben ja noch!) mehr als stolz gemacht: Eine ganz große Rockshow der Extraklasse fuhren die Burschen auf, mit riesiger Bühne, gewaltiger Lichtshow und sich bewegenden Videoleinwänden. Die Zeiten, in denen ein paar dänische Kumpels ihre Gitarren in einen Van warfen, liegen damit weit zurück: 2019 füllt die Produktion satte 17 Trucks und beschäftigt eine 85-köpfige Crew aus 13 Ländern. Doch das Wichtigste hat sich all die Jahre nicht geändert: Volbeat gehen ins Blut, egal, ob man headbangen oder tanzen will. Es ist alles da: Hits für Luftgitarre und Pommesgabel, für Freudestrahlen und Kampfgesicht, mit stadiongroßem Beat und diesen so hartnäckig griffigen Refrains.

Nun haben die Jungs das unvergleichliche Volbeat’sche Live-Erlebnis auf eine Silberscheibe gepresst: Mit „Rewind, Replay, Rebound – Live in Deutschland” erscheint diese Woche, am 27. November, das erste Live-Album der Band. Die euphorisch-überkochende, stampfende und emotionale Stimmung der 2019-Tour ist auch am Album zu hören. Hier feiern Tausende Fans und vier dänisch-amerikanische Rocker allabendlich ihre Musik. Poulsen verspricht pünktlich zur Albumveröffentlichung: „Hört weiter Volbeat! Dann kommen wir immer wieder, selbst wenn Jon 100 Jahre alt wird.“ Deal. Bis es aber soweit ist, baten wir den sympathischen, bodenständigen und tief-entspannten Volbeat-Bassisten Kaspar zum Interview.

Hallo Kaspar! Wie geht’s? Bist du und dein Umfeld gesund?

Danke vielmals, wir alle haben eine gute Zeit. Mein Jüngster hat vor einigen Tagen etwas gekränkelt, aber abgesehen davon ist alles cool.

Kommen wir auf eure Musik zu sprechen. Wieso habt ihr euch dazu entschieden, ein Live-Album rauszubringen?

Zum einen wollten wir den großartigen Shows, die wir vergangenes Jahr in Deutschland gespielt haben, Tribut zollen. Ursprünglich wollten wir das Album ja nur in Deutschland veröffentlichen, aber dann dachten wir uns: Wieso den anderen Fans im Rest der Welt die Möglichkeit vorenthalten, auch an dieser tollen Stimmung teilhaben zu können? Aber die Vinyl-Version wird weiterhin nur in Deutschland erhältlich sein.

Ihr habt nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich viele Fans. „Rewind, Replay, Rebound” war auch bei uns auf Platz 1 der Charts und hat sogar Platin geschafft …

Oh! Wirklich?! Wow!

Bist du deswegen überrascht? Beziehungsweise wie habt ihr auf die Platz 1-Nachricht reagiert?

Wir hoffen natürlich immer, dass, wenn wir ein Album rausbringen, es jemand auch kauft und es noch dazu mag! Aber wir waren trotzdem sehr überrascht, dass das Album solch einen großen Erfolg hatte. Ich bin sehr, sehr dankbar deswegen.

Nach all den Jahren seid ihr also immer noch überrascht, wenn ein Volbeat-Album ein Erfolg wird?

Das ist tatsächlich so. In diesem Business darfst du einfach nichts für selbstverständlich nehmen. Die Karriere kann morgen schon wieder vorbei sein, wer weiß das schon? Mit jedem Album musst du erneut versuchen, dein Bestes zu geben.

Ihr hattet beinahe von Beginn an in Österreich eine große Fangemeinde. Woran erinnerst du dich am liebsten, wenn du an Österreich denkst?

Ich bin ja erst seit 2016 bei Volbeat dabei, aber ich weiß, dass ihr toll seid (lacht)! Ich kann mich erinnern, dass wir im selben Jahr am Nova Rock Festival performt haben, das war echt großartig! Das hat mir damals echt getaugt. Die anderen Jungs haben aber schon zuvor öfter in Österreich gespielt. (Volbeat gehören auch zum geplanten 2021er-LineUp von Nova Rock; Anm.)

Wie hat sich das Musikbiz, aber auch du selbst als Person in den vergangenen Jahren verändert?

Seitdem ich bei Volbeat dabei bin, hat sich mein Leben komplett verändert. Nicht nur, dass ich plötzlich Teil einer erfolgreichen Musikband bin, ich bin auch von Kopenhagen aufs Land gezogen – was schon ein Unterschied ist! Im selben Jahr bin ich obendrein Vater geworden – ich kann also sagen: Es hat sich wirklich alles verändert seit 2016. Aber auch das Musikbusiness ist nicht mehr dasselbe. Beinahe keiner kauft mehr physische Album-Exemplare, es wird alles nur noch gestreamt. Das bedeutet, dass Bands mehr Live-Gigs spielen müssen, weil vom Streaming bekommt man nicht sehr viel Geld. Weshalb viele Künstler nun auch kleinere Shows spielen, einfach, um überleben zu können. Aber: Volbeat war immer schon eine Liveband. Wir lieben es, auf der Bühne zu stehen. Aufgrund von Corona können wir das aktuell nicht tun, was wirklich sehr hart für uns ist. Wir vermissen das Gefühl, vor Publikum spielen zu dürfen.

Was hast du persönlich von der Coronakrise gelernt?

Gott sei Dank sind bisher weder ich noch meine Familie krank geworden. Da wir am Land leben, treffen wir nicht auf allzu viele Leute (lacht)! Das ist zumindest in Zeiten wie diesen ein Vorteil. Aber ich habe gerade eben gehört, dass bald ein Impfstoff kommen soll. Die Zukunft sieht also schon etwas besser aus als noch vor einem Tag.

Zurück zu euren Live-Gigs: Volbeat hat eine großartige Onstage-Präsenz, auf der Bühne geht’s ab bei euch. Ist es mit den Jahren schwieriger geworden, diese hohe Energie aufrechtzuerhalten?

Nein, das denke ich nicht. Diese Energie kommt ganz natürlich, wenn du auf die Bühne rausgehst. Das Publikum gibt uns sehr viel Adrenalin, jedes einzige Mal. Im Grunde ziehen wir einfach unser Ding durch. Was aber stimmt: Man muss natürlich in guter körperlicher Verfassung sein, wenn du regelmäßig zwischen eineinhalb und zwei Stunden eine Show durchspielst. Das ist durchaus anstrengend, ich stehe ja nicht einfach nur herum. Aber auch hier gilt: Du denkst da nicht viel drüber nach, sondern machst einfach. Das Adrenalin solcher Live-Gigs gibt dir ungeheuer viel Kraft. Nach den Shows merke ich jedoch durchaus, dass ich keine 20 mehr bin (lacht)!

Wie kann man sich das Gefühl nach einem großen Live-Gig vorstellen?

Du bist von der Show immer noch aufgepusht, aber natürlich bist du auch einfach nur müde. Wir setzen uns oft zusammen und reden: Haben wir Fehler gemacht? Hat das Tempo gepasst? Wie war die Technik? Während wir zusammensitzen, kommen wir auch wieder runter.

Also kein Sex, Drugs and Rock’n’Roll?

Natürlich genehmigen wir uns auch mal ein, zwei Bierchen. Aber es ist nicht mehr so, wie es noch vor einigen Jahren war, als ich noch in einer anderen Band gespielt habe. Heute würde ich eine ganze Tour nicht mehr schaffen, wenn ich jeden Abend Party machen würde. Früher hab ich das gemacht, heute nicht mehr. Als ich mich Volbeat anschloss, wurde das Tourleben ruhiger. Klar – wir sind alle in den 40ern! Es ist einfach nicht mehr so verrückt wie früher. Aber yeah, es war verrückt (lacht)!

Apropos Rock’n’Roll: Werfen weibliche Fans ihre Unterwäsche zu euch auf die Bühne?

(lacht laut) Also zumindest ich hab das noch nie erlebt! Vielleicht war das vor meiner Zeit…?

Habt ihr eine Art von Ritual, bevor ihr auf die Bühne geht?

Ich wärme mich circa eine halbe Stunde zuvor auf, zum Beispiel mit bestimmten Fingerübungen und –techniken. Rob macht dasselbe. Michael geht aufs Klo und singt sich dort warm mithilfe ganz bestimmter Übungen. Wir stehen auf jeden Fall nicht alle im Kreis und schreien uns an. Im Gegenteil: Jeder ist in seiner ganz eigenen Zone, zieht sich zurück. Jeder ist sehr fokussiert.

Erzähl doch ein bisschen mehr über deine Fingerübungen!

Ich spiele die meisten Songs mit der 2-Finger-Technik. Zum Aufwärmen verwende ich aber andere Fingertechniken und spiele die Songs in einem viel höheren Tempo, um meine Finger beweglicher zu machen und aufzuwärmen. Zudem mache ich sehr viel String-Crossing. Nichts Außergewöhnliches, ehrlich gesagt. Aber wenn ich das nicht tue, klingt mein Spiel scheiße (lacht)! Am Anfang einer Tour mache ich sehr viel Warm-Up-Übungen, danach weniger, da ich ja ohnehin jeden Abend spiele.

Seit wann spielst du schon Bass?

Ich hab mit 15 angefangen (Kaspar ist aktuell 45 Jahre alt; Anm.). Ich hörte damals viel Punkrock, war ein großer Fan der Sex Pistols, und dachte einfach, Bass zu spielen schaut wahnsinnig cool aus. Bass war für mich zugänglicher als Gitarre oder Schlagzeug, auch wenn ich viel üben musste. Ich habe mit sehr leichten Punkrock-Songs angefangen. 1994 war ich einer der Gründungsmitglieder der Death Metal-Band Withering Surface und seitdem bin ich am Bass hängengeblieben. Ich liebe dieses Instrument einfach! Wann immer ich einen neuen Song höre, höre ich als erstes den Bass raus. Da gibt es einfach eine Art Verbindung zwischen den Bass und mir.

Wie lange hast du am Anfang mit Üben verbracht?

Mindestens eine Stunde täglich. Heute ist das ganz unterschiedlich, mal mehr, mal weniger. Es gibt Zeiten, vor allem, wenn ich zuhause bin, da spiele und übe ich sehr viel. Und natürlich, wenn wir neue Songs proben oder schreiben, spiele ich auch eine Menge. Abes es gibt auch Phasen, da lasse ich es ein wenig schleifen (überlegt, muss dann lachen). Manchmal schaue ich fern und zupfe einfach so am Bass herum, ohne wirklich ernsthaft zu spielen. Da frage ich mich dann manchmal: „Was zum Henker machst du da eigentlich?“

Du musst also immer noch üben, obwohl du schon der perfekte Bass-Spieler bist?

Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein! Ich höre sehr viele verschiedene Arten von Musik, um mich möglichst breit inspirieren zu lassen. Und diese versuche ich dann nachzuspielen. Dazu gehören auch alte R&B- oder Motown-Songs, aber genauso Death Metal- und Rock-Songs. Ich versuche, alles zu spielen. Und dafür ist Inspiration wichtig.

Apropos Inspiration: Hast du musikalische Vorbilder?

Black Sabbath könnte ich mir aufgrund ihres Bass-Spiels immer und jerderzeit anhören. Geezer Butler ist eine meiner größten Inspirationsquellen. Sein feines Gespür und seine Fähigkeit, so wunderbar melodisch und bluesy zu spielen – einfach wow, das gefällt mir sehr! Ich bewundere unter anderem auch Simon Gallup, den Bass-Gitarrist von The Cure, sehr. Allgemein inspirieren mich viele dieser „alten“ Bass-Gitarristen.

Letzte Frage: Was können wir von Volbeat in Zukunft erwarten?

Aktuell proben wir neue Songs – für die ich meine Technik übrigens verbessern und erweitern muss, da ich hier manchmal sehr schnell spielen muss! Daran arbeite ich gerade intensiv. Ihr könnt also mit einem neuen Album von uns rechnen – wann, kann ich aber noch nicht sagen. Michael finalisiert einige dieser Songs gerade. Wir haben viel Neues in petto, mit dem wir ein bisschen zu unsere Wurzeln zurückgehen, aber gleichzeitig hört sich alles neu und fresh an. Ich freue mich sehr darauf, unsere neuen Sachen auf der Bühne live zu spielen. Hoffentlich ist es bald so weit. Leider wissen wir nicht, wie die Welt in einigen Monaten aussehen wird …

Volbeat geben kommendes Jahr einen der Headliner am Nova Rock Festival. Tickets gibt es bei oeticket.com.