Was bleibt von 2018?

Jahresrückblick

Gute Songs, ja: sogar ganze Alben – Todeserklärungen des Formats zum Trotz – gab es 2018 zuhauf. Doch welche waren beständig genug, um auch über das Jahr hinaus in Erinnerung zu bleiben? Wir rekapitulieren das Jahr in 25 Schritten.

JahresrückblickIceage – Beyondless

Die Kopenhagener klingen zwar weniger puristisch als zuvor, lassen neben Saxofon, Trompete auch Streicher zu und klingen mittlerweile fast pompös, changieren damit aber spielerisch irgendwo zwischen Liam Gallagher und Nick Cave, mit energetisch britischen Akzenten und einem Hauch von Obszönität und Apokalypse.

The Good, The Bad & The Queen – Merrie Land

Zeitgeschichtlich vermutlich das Album des Jahres: Unter der Schirmherrschaft von Tony Visconti zelebriert das Kollektiv rund um Damon Albarn und Paul Simonon einen sentimentalen Abschieds-Shanty auf England als Teil Europas – einen düster-traurigen Kommentar zum Brexit, der tatsächlich nach Nebel und Weinen klingt.

Sophie – Oil of Every Pearl’s Un-Insides

Chaos, Brüche, Hyperkünstlichkeit, Entrückung: In der Welt des Pops ist dieser quietschbunte Trip, der einen Haken nach dem anderen schlägt, ein kreativer Exzess, der die Unordnung nicht zum Selbstzweck, sondern aufgrund künstlerischer Expression sucht. Brillanter Nonsense!

Troye Sivan – Bloom

LGBTQ-Künstler_innen existieren zuhauf, werden musikalisch gerade im Mainstream jedoch gerne von ihrer Message überschattet. Nicht so beim Australier, bei dem sich das Zuhören beinah schon dem Voyeurismus annähert. Dazu gibt es astreine, dramatische, aber auch tanzbare Popmusik, die den seltenen Beweis antritt, dass Charttauglichkeit Tiefgang nicht missen muss.

Spiritualized – And Nothing Hurt

Das Geile an diesem Album: Die Songs starten stark und wachsen zu superben Überstücken heran, brillieren in Bläsersätzen, Orgelpassagen und Streichermelodien – ja, selbst die mancherorts faden Gitarrensoli tragen hier in jeder Sekunde zum melancholisch triefendem Klangspektrum mit bei.

Idles – Joy As an Act of Resistance

Die Post-Punkter aus Bristol klingen wie frühe Bad Seeds: Verhasstes wird mit einem Vorschlaghammer in Stücke geschlagen. Dass Talbot wie Cave eigentlich auch nicht singen kann, fällt überhaupt nicht ins Gewicht, dazu ist der Sog, den die ohnehin heulende, berstende Band erzeugt, einfach zu mächtig. Ein Geröll von Klang.

Agar Agar – The Dog & The Future

Auch wenn der Titel folgerichtig kuriose Texte andeutet, so gelingt dem französischen, nach pflanzlichem Geliermittel benannten Duo noch mehr: Understatement im Plastiksound, ein Vereinen von barockem Kitsch und spartanischem Minimalismus.

Nakhane – You Will Not Die

Auf seinem zweiten Album erforscht der homosexuelle Südafrikaner seine Identität durch die Linse der Religion – eingehüllt in elektronischen Versatzstücken mit Soulgesang und dezenten Elementen afrikanischer Musik. Das besondere Drama erreicht er in seinen gesanglichen Bögen zwischen Tenor und Falsett.

The Garden – Mirror Might Steal Your Charme

“Vada Vada” nennen die Resting Bitchfaces den Klang, der irgendwo zwischen Postpunk, Glam, Drum’n’Bass, Rap, Elektropunk und Goth tobt – und irgendwas zwischen Dadaismus und Vaudeville ist’s wohl auch: Das Album klingt fies und nach Delirium, nach „Fear & Loathing in Las Vegas“.

Florence + the Machine – High as Hope

Es wirkt schon etwas skurril, wenn eine Person bereits im Alter von 31 nostalgisch ihre Jugendjahre reflektiert, doch musikalisch fährt Welch tatsächlich Reife auf, setzt dem Pomp feingeschliffene Phrasierungen entgegen.

Interpol – Marauder

Die Erstaufnahmen zum sechsten Interpol-Album im Proberaum der Yeah Yeah Yeahs gerieten der Geschichte nach so ungestüm, dass die Polizei die Band aus selbigem werfen musste. So klingt das Endresultat dann auch, wird die gewohnte Stattlichkeit doch mit amtlich Muskelmasse aufgefettet.

Shame – Songs of Praise

40 Jahre nach den Sex Pistols ist Punk für viele nicht mehr als ein Modewitz oder zu Rosa-Glitzer-Popgeschrummel verkommen. Doch die Briten klingen nicht nur zerfranst, sie sind es bis in ihr tiefstes Innere, grollen im Spoken-Word-Duktus ihrer Generation und pissen Konsum und Hedonismus amtlich ans Bein.

Marianne Faithfull – Negative Capability

Der Begriff „Diva“ würde zu kurz greifen, es ist vielmehr eine „Baronesse“, die sich mit ihrem beachtlichen Stab – darunter Nick Cave, Sivert Høyem, Keith Richards und Mick Jagger – in ein Meer aus Klavier, Schlagwerk und Streichern bettet, auf der Récamière ihrer unikalen Stimme thronend durch hochdramatische Szenarien und tragisch umflorte Wehmut irrlichtert.

Leon Vynehall – Nothing Is Still

Inspiriert vom Leben seiner Großeltern macht Vynehall auf seinem Debüt in einen warmen, intensiven, organischen Electro-Sound eintauchen – abgespacte Effekte und Streicher inklusive.

Father John Misty – God’s Favorite Customer

Schlägt man im Wörterbuch nach, findet man neben dem Eintrag “Langsamkeit” Joshua Tillmans Foto: Seine Songs lassen sich genau so viel Zeit, dass man all das mitbekommt, was sie in ihren Partituren tragen – von warmen Streichern über Bläser bis hin zum Klavier. So würden die Beatles heute klingen.

Goat Girl – Goat Girl

Die 20-jährigen Londonerinnen haben sich mit ihrem Debüt flugs zu Lieblingen des Feuilletons gemausert, kein Wunder mit ihrem Potpourri aus Gothic-Rock, verzerrten Twang-Gitarren, zartem Folk, Postpunk, Spoken Word-Schnipseln und Noise. Eindeutig keine girly-Band.

Soccer Mommy – Clean

Das Album klingt süß und poppig, nach einem juvenilen, dabei charmanten Mädchen, sympathisch unaufgeregt schlunzig und mit dem gehauchtem Gesang ein bisschen nach Schlafzimmer. Die Texte leben jedoch von schweren Gedanken, Ängsten und Grübeleien. Der Coming-of-Age-Soundtrack!

Ezra Furman – Transangelic Exodus

Der Indierock des letzten Albums ist einem harschen Sound gewichen, der knarzt und viel auf Echos setzt. Schwarzer Staub liegt über sämtlichen Tönen und lässt sie wie ein vom Zigarettenrauch umnebeltes Road Movie klingen. Scheinbar nebenher knödelt sich Furman durch den Transformationsprozess vom Menschen zum Engel.

Amen Dunes – Freedom

Auf dem fünften Album des Mannes mit einem frühem Morrissey-Vibrato geht es um Konzepte von Männlichkeit – etwas, das in der #MeToo-Debatte schändlich vergessen wurde. Der dazu gewählte Sound – bei dem wenig passiert, aber doch Höhepunkt an Höhepunkt reiht – changiert irgendwo zwischen Arcade Fire, Kurt Vile, The War On Drugs und The Charlatans.

Daughters – You Won’t Get What You Want

Das Label Ipecac halt wieder einmal, was es verspricht: Abnormale Klangwände eint all die Künstler, die Mike Patton unter seine Fittiche genommen hat. Das Quartett aus Rhode Island mäandert sich durch mantraartig schlagende Beats und düster scharrende Synthie-Hetzereien und liefert wohl das klaustrophobischste – und dabei noch erschreckend plastische – Album des Jahres ab.

Mastersystem – Dance Music

Mitglieder von den Editors, Minor Victories und Frightened Rabbit hauen sich auf ein Bankerl und schlagen eine rause, fast noisige Richtung an. Hervor sticht nicht nur insbesondere Hutchisons verletzlicher Gesang, sondern auch der schlotterige Fuzz, der ordentlich Pfeffer durch die Pobacken bläst und für eine scheppernde Klangwucht sorgt.

Let’s Eat Grandma – I’m All Ears

Der hyperaktive Psych-Dance-Pop kommt natürlich aus Großbritannien: Weirdness mit einer derartigen Eingängigkeit zu versetzen, das können nur die Inselbewohner derart gekonnt. Folgerichtig, dass da jeder Song gleich nach mehreren klingt, dabei aber trotzdem nicht als Versatzstück wirkt.

Matt Maltese – Bad Contestant

Der Londoner hat mit seinem Debüt ein neues Genre ins Leben gerufen, den Schmaltzcore. Das klingt süßlich wie Jamie Cullum, nur cool – Piano Pop mit pointierten Texten, ein bisschen Boogie-Woogie und dank jubilierenden Gitarren und driftendem Gesang auch noch lässigem Kalifornien-Feeling.

Sunflower Bean – Twentytwo in Blue

Um das junge Gesangsduo kräuseln sich feine Gitarren-Wölkchen und klingen dabei sowohl nach einer weich perlenden Fleetwood-Mac-Lässigkeit als auch nach Blondie-Disco, verglichen mit dem Vorgänger ist das neue Werk lichter, die Melodien süßer und damit mit zurückhaltender Abba-Eleganz gesegnet.

Audiobooks – Now! (In a Minute)

Evangeline Ling krächzt ein heillos verzerrtes Textgestrüpp über den aufgemotzten Retrowave von David Wrench: Das Debüt umweht ein Hauch von Irrsinn, der sich aus exaltierten Alltagsgeschichten speist, sondern aus Lässigkeit und Albernheit zugleich. Das Album strotzt nur so vor Spaß und Kreativität, sorgt für Tanzwut!