Wenn die Urfaust zuschlägt: Misery Index im Escape

Misery Index

Mit ihrem neuen Album „Rituals Of Power“ im Gepäck gastieren Misery Index am 25. März im Wiener Escape. Mit Wormrot, Truth Corroded und The Lion’s Daughter im Vorprogramm ist das Motto des Abends wohl: Zuerst zuschlagen, dann fragen.

Misery IndexRewind Mitte der Neunziger: Kaum, dass die Urväter des Death Metal-Genres erste Schwächen zeigten, schickte sich eine neue Generation an Prügelknaben dazu an, die Sache fortzuführen, ja: In Sachen Komplexität und Geschwindigkeit noch ein Schäufelchen nachzulegen. Federführend waren damals vor allem die aus Baltimore stammenden Dying Fetus, die insbesondere mit ihren ersten drei Scheiben „Purification Through Violence“ (1996), „Killing On Adrenaline“ (1998) und „Destroy The Opposition“ (2000) gekonnt die knurrende Brachialität des Genres mit dem prolligen Aggrocharme des NY Hardcore zu verschmelzen wussten: Gerade der exzeptionell gelungene gesangliche Schlagabtausch zwischen John Gallagher (auch Gitarre) und Jason Netherton (auch Bass) tat hier das Nötige, um des Anthrax‘ sprichwörtliche „Fistful of Metal“ Realität werden zu lassen.

Umso schmerzlicher, dass hierauf Gallagher und Netherton getrennte Wege gingen: Dying Fetus konnten seit ehedem nie wieder vollends an ihre Frühwerke anschließen, während zweitem unter dem Banner Misery Index gerade mit dem Debüt „Retaliate“ (2003) eine stringente Fortsetzung gelang – eine, die sich aber seit damals aus dem dereinst omnipotenten Schatten etablierte und über die Jahre hinweg bis heute, zur soeben erschienen sechsten Scheibe „Rituals Of Power“, ihr eigenes, urgewaltiges Ego entwickelte: breitbeinig, forsch und ungestüm, dabei aber zu keiner Zeit in blinder Manier ziellos dahinstiebend.

Mittlerweile – etwas Gitarren-Feedback und ein düster groovender Beat deuten es mit „Universal Untruths“ bereits an – hat man sich von juvenilen (Nasum-esken) Grindcore-Eskapaden und stringenter Hochgeschwindigkeit konsequent emanzipiert, denn – und dies hat die Vergangenheit gezeigt: Die destruktivste Durchschlagskraft entwickelte man auch bis dato stets, wenn man vor dem Durchstarten mit beiden Haxen auf die Bremse latschte. Ein Geschick, das – beinahe zeitgleich – übrigens auch Erik Rutan (ex-Morbid Angel) mit Hate Eternal („Upon Desolate Sands“) gelang. Insbesondere die melodische Schlagseite, die erstmals vordergründig auf dem Vorgänger „The Killing Gods“ (2014) Einzug hielt, weiß erneut auch hier, einen perfiden Gegenspieler zu Nethertons heiserem Bellen zu geben. In der Gesamtbetrachtung ist „Rituals Of Power“ am dünnen Pfad zwischen etablierter Tradition und pointierter Stagnation ähnlich einer Stampede geraten: kurz, dabei aber umpflügend. Hie und da – gerade in den beinah klassischen Solipassagen (etwa „The Choir Invisible“ und „They Always Come Back“) – blitzt für den bereits gebrochenen Semikadaver des Rezipienten sogar etwas Sonne durch den potenten Marsch, bevor hierauf mit „New Salem“ oder auch „I Disavow“ ein weiterer Elefant mit Testosteroninjektion in gelöster Vehemenz enthemmt das Gehirn zu Brei stiefelt.

Dass dabei Netherton mit seinen Texten fernab vom genreüblichen Todgesang auch tatsächlich etwas zu sagen hat – „Rituals Of Power“ dreht sich lose um eine Betrachtung der postfaktischen Ära – sei dabei nur am Rande erwähnt: Angestachelt von The Lion’s Daughter (USA, Blackened Sludge), Truth Corroded (Death, AUS) und insbesondere Wormrot (Grind, SGP) wird der perfide Watschenaugust kommenden Montag wohl kaum einer ausgeklügelten Dissertation zu lauschen, sondern allein den üblicherweise unliebsamen Wochenbeginn zu Brei zu trampeln trachten.

Misery Index gastieren am 25. März im Wiener Escape. In selbiger Location finden sich in den nächsten Monaten zudem etwa Katalepsy (15. Mai) und Lividity (22. Mai) ein. Infos zu allen Veranstaltungen des Hauses findet man auf Facebook.