Wer ist Zucchero?

Zucchero

Mit gleich zwei neuen Alben im Gepäck, eines davon randvoll mit Coversongs, beehrt Zucchero sechsmal Österreich! Wir haben mit ihm über den Mann hinter den Songs, unter dem Zylinder gesprochen.

Gleich vierzehn Mal hintereinander konzertierte der italienische Nationalheld Zucchero dieses Frühjahr in der malerischen Arena di Verona, stets vor ausverkauftem Haus. Am 5. Mai lud er kurz vor der Show
gutgelaunt zum Gespräch und erörterte uns den Mann hinter „Senza Madonna”, wie dem Vernehmen nach Mick Jagger Zuccheros Überhit betitelt.

Eine Stunde vor Konzertbeginn bricht der Himmel über Verona, der Stadt von Romeo und Julia: Während Zucchero uns in die Katakomben der Arena di Verona zum gelösten Gespräch geleitet, strömen bereits abertausend Menschen in das antike Amphitheater, viele gewandet in bunte Regenponchos, die am Piazza Brà von Straßenverkäufern um fünf Euro feilgeboten werden. Dem bescheidenen Wetter zum Trotz ist das imposante Gebäude auch heute zum Bersten gefüllt, wie auch die Tage davor – und danach. Während wir noch im Trockenen sitzen und mit Zucchero über sein aktuelles „Discover”-Album und den Mann dahinter, unter dem markanten Zylinder plaudern, ist die Stimmung Stockwerke über uns bereits gelöst, obwohl noch kein Ton angeklungen ist. Als Zucchero mit seiner fantastischen Band schließlich die Bühne betritt, brechen nicht nur die Dämme des Himmels, sondern auch die der Emotionen: Spätestens bei „Baila” blieben nur mehr wenige still auf ihren Plätzen sitzen – nicht jedoch, um die Flucht ins Trockene anzutreten, sondern um triefend tanzend gemeinsam mit Zucchero la bella vita zu zelebrieren, immerhin sagte der 66-jährige an die BesucherInnen gerichtet: „Si viva una volta sola!” – „Man lebt nur einmal!” Dass sich Zucchero diesen Spruch auch selbst zu Herzen nimmt, merkte man nicht nur bei der monumentalen Show, die an der 150 Minuten-Marke kratzte. Auch im launigen, persönlichen Gespräch ließ Zucchero durchblicken, dass mit 66 Jahren das Leben vielleicht nicht erst anfängt, wie Udo Jürgens selig dereinst sang, aber immer noch in vollen Zügen auszukosten ist.

Es ist das erste Mal seit der unsäglichen Pandemie, dass Sie ihr gleich doppelt neues Material, die Lieder von „D.O.C.”, aber auch von „Discover”, in großem Rahmen ausprobieren können. Wie funktionieren die neuen Lieder im Einklang mit ihren Klassikern?

Wir haben eine sehr lange Setlist, die wir jeden Tag ein bisschen abändern können. Meistens spielen wir fünf Songs von „D.O.C.” und zwei oder drei Stücke von meinem Coveralbum, aber natürlich will das Publikum auch die Klassiker hören, von „Diavolo in me” bis „Senza una donna”. Meine Band begleitet mich teilweise schon seit Jahren und Jahrzehnten, und wir sind so gut eingespielt, dass wir sehr breit aus meiner reichen Discographie fischen können. Es ist wichtig, dass sich auch die Musiker nicht langweilen (lacht).

Ihre Musik strahlt stets Hoffnung und Optimismus aus. Wie schwer war es für Sie persönlich, sich diese rühmliche Eigenschaft auch in der Pandemie zu behalten?

Es war schon hart, wir standen unmittelbar vor den Proben zur vielleicht größten Tour meiner Karriere, die uns von Neuseeland und Australien über Südamerika wieder nach Europa geführt hätte. Freilich waren wir da verärgert und deprimiert. Aber dann tat ich, was mir im Blut liegt: Lieder schreiben. Außerdem hatten wir das Glück, vergangenes Jahr auch eine kleine Akustiktour an ganz besonderen Örtlichkeiten zu spielen. Wir haben uns also die Zeit schließlich doch ganz gut vertrieben.

Aber der Eindruck, dass Sie das Lebensgefühl Ihrer Songs verinnerlicht haben, stimmt wohl. Kennen eifrige Hörer tatsächlich den Mann hinter der Musik?

Menschen, die mir nahestehen, verstehen mich durch meine Musik sicherlich besser. Alle anderen werden sich da schon etwas schwerer tun, weil meine Lieder oft doppeldeutig sind und viel Raum für Interpretation lassen. Ironie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, mein Lieblingsschriftsteller Oscar Wilde hat einmal gesagt: „Das Leben ist viel zu wichtig, um es ernst zu nehmen.”

Was haben Sie über sich gelernt, als sie die Liste der möglichen Songs für ihr Cover-Album „Discover” aufschrieben? Es heißt, die Liste hatte anfangs ein monumentales Ausmaß von 500 Liedern …

(lacht) Ja, und alle konnte ich leider nicht aufnehmen. Für mich war das wie eine Zeitreise in meine eigene Vergangenheit, einige der Stücke erzählen von mir, als ich 15 Jahre alt war, als ich das erste Mal eine Gitarre in den Händen hielt oder meine ersten, kleinen Konzerte spielte oder meine erste eigene Band hatte. Obwohl alle Lieder eine Bedeutung für mich haben, musste ich einige streichen – entweder, weil sie nicht zu mir, meinem Stil passten, Lieder waren, die schon so oft gecovert wurden oder schlichtweg Lieder, die man besser im Original belässt, „Imagine” von John Lennon zum Beispiel. Was mir aber über mich selbst klargeworden ist: Ich kann ohne Musik nicht leben. Zugegeben, das mag vielleicht offensichtlich erscheinen, aber Zuhausebleiben ist nichts für mich, ich bin ein ewiger Gypsy, ich möchte auf immer weitermachen! Da geht es nicht einmal um Erfolg oder Verkäufe, sondern einfach um das Gefühl, auf einer Bühne stehen zu können.

Sie werden in Kürze gleich sechsmal in Österreich gastieren. Es scheint, als wäre Ihnen Ihr Nachbarland sehr ans Herz gewachsen?

Konzerte in Österreich sind für mich besonders schön, wenn sie unter freiem Himmel stattfinden. Ich kann mich auch noch gut an den Moment erinnern, als ich 1999 für die Rolling Stones in Imst eröffnen durfte, da hat es auch geschüttet wie heute (lacht).

Sie sind jetzt 66, die Rolling Stones feiern dieses Jahr ihr 60. Bühnenjubiläum, etwa im Ernst-Happel-Stadion. Wenn Mick Jagger Sie jetzt anriefe, welche Songs würden Sie als alter Bluesfreund empfehlen, in die Setlist zu packen?

(lacht) Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Vor zwei Jahren war ich nebst vielleicht dreißig anderen Gästen auf die Geburtstagsparty von Mick Jagger aufs Castello di Castagneto Carducci eingeladen. Ich begrüßte ihn mit: „Hey, dich kenne ich doch von irgendwo?” Das ist meine Art von Humor (lacht). Ich sang an diesem Abend „Con le mie lacrime”, die italienische Version der Stones-Nummer „As Tears Go By”, für ihn – das war der erste Song, den sie damals bei ihrem ersten Auftritt in Italien spielten! Mick sang sogar auf Italienisch mit! Danach wünschte sich Mick „Senza Madonna”, und ließ sich partout nicht überzeugen, dass es eigentlich „Senza una donna” heißt.

Ich habe zwar vorher gemeint, ich will ewig auf der Bühne stehen, aber ob ich so lange durchhalte wie die Stones, weiß ich wirklich nicht. Mick geht jeden Tag ins Fitness-Studio, ich definitiv nicht (lacht).

Jedenfalls liebe ich ihre Balladen und neben „As Tears Go By” wünsche ich mir für die Jubiläumstour auch noch „Lady Jane”, „Angie”, „Honky Tonk Women” und „Jumpin’ Jack Flash”. Du siehst, ich bin eher ein Fan der frühen Lieder (lacht).

Sie haben also bereits mit Mick Jagger, wenngleich privat, ein Duett gesungen, im größeren Rahmen kennt man Sie unter anderem mit Bono, Joe Cocker, Iggy Pop und vielen anderen. Bleiben da noch Wünsche offen?

Das ergibt sich einfach, all diese Kollaborationen basieren auf Freundschaft, Respekt und Vertrauen – da hat die Plattenfirma nichts mitzureden. Sowas passiert dann meistens auch sehr spontan, so wie vorletzten Sommer, als mich Sting, der gerade in der Toskana war, anrief und eine Melodie hatte, die sich für ihn sehr mediterran anfühlte. So entstand dann „September”.

Zucchero gastiert am 31. Mai in Innsbruck, seine Tour führt ihn anschließend im Juni noch nach Wien (16.), Salzburg (17.), Graz (26.), Dornbirn (30.) und schließlich am 1. Juli auf Burg Clam. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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