🇦🇹 Willi Resetarits: Lange Nase für den Tod

Resetarits

Willi Resetarits und sein Stubnblues präsentieren ihr neues Album „Elapetsch“. Es handelt von den letzten Dingen, aber mit Leichtigkeit.

Foto: Lukas Beck

Willi Resetarits und sein Stubnblues präsentieren ihr neues Album „Elapetsch“. Es handelt von den letzten Dingen, aber mit Leichtigkeit. Ein Gespräch über gutes Leben, Poesie, H.C. Artmann, Musikantenstolz und das schöne Gefühl, wenn ein Song sich richtig anfühlt.

Das Wort „Elapetsch“ für Schadenfreude habe ich seit meiner Kindheit nicht gehört.

Aber du kennst es. Wo kommst du her?

Aus Oberösterreich.

Ja, da versteht man das noch. Ich habe geforscht. Die Grenze liegt in Ostösterreich. In  Niederösterreich und in der Steiermark und sowieso in Wien und im Burgenland kennt das niemand. Westlich davon gibt es kein Problem. In Wien muss ich es erklären, als hätte ich ein Wort aus dem Kisuaheli verwendet.

Was ja auch schön wäre.

Dieser Aspekt hat mir gefallen. Es ist ein bissl exotisch. Lautmalerisch weiß man dann eh, worum es geht. Das Album heißt „Elapetsch“, ein Lied heißt „Elapetsch, Tod!“. Es meint, dem Tod eine lange Nase zu drehen. Mit der leisen Ahnung: In the long run wird der Tod gewinnen.

Wann weißt du, dass ein Wort oder ein Song gut ist?

Das ist schwer zu beschreiben. Ich weiß es, ohne zu wissen, warum. Weil es ja um Musik geht, also um emotionale Sachen. Wir haben während dieser Produktions nichts ausgehirnt und hatten auch kein schriftliches Konzept wie bei einem Drehbuch, das man dann ausarbeitet. Es ist vielmehr so, dass Dinge erscheinen und sich entwickeln. Und man weiß mittlerweile im Arbeitsprozess, wann es passt. Gewisse Melodien oder Textzeilen, auch wenn ich sie nicht selber schreibe, sind einfach die meinen.

Die Hälfte der Texte stammen von H.C. Artmann (1921-2000), dessen Werke du immer wieder aufgreifst.

Weil ich immer wieder was Neues darin finde. Ich habe einmal mit Artmann über seine Lyrik gesprochen und er hat gesagt: „Das stimmt alles, was du in meinen Texten siehst. Aber“, hat er hinzugefügt, „was ich damit gemeint habe, ist ganz was Anderes.“ Jeder, der sich um einen Text bemüht, hat eine andere Deutung.

Hast du Artmann nur verehrt oder warst du auch mit ihm befreundet?

Die Freundschaft hat nichts mit der Liebe zu seinem Werk zu tun. Aus dem Grund zögere ich immer, wenn jemand erzählt, dass er mit Artmann gesoffen hat. Ja, das habe ich auch. Aber vor allem liebe ich sein Werk. Der sympathische und überragende Mensch dahinter hat mich natürlich wahnsinnig interessiert, wiewohl ich ihn nie angesprochen hätte. Dann hat er mich angeredet. Mit den Worten: „Ich wollte dich immer schon kennenlernen.“ Ich bin fast ohnmächtig geworden. Dieses erste Gespräch war von meiner Seite sehr dürftig. Mir ist das Hirn gestanden vor Ehrfurcht. Ich war und bin ein Verehrer, eine Rolle im Privatleben des Poeten wollte ich nicht unbedingt spielen. Es ist mir trotzdem passiert. Das war sehr schön.

Siehst du dich auch als Vermittler seiner Texte?

Nicht in diesem Sinne. Das hätte man am Schluss gern. In Wirklichkeit ist es so: Mir gefällt etwas so gut, dass ich es jemand Anderem vorsingen will. Ich habe dabei keinen didaktischen Plan. Es kommt aus der übervollen Begeisterung. Ich würde das auch singen, wenn niemand zuhört. Aber gut wäre es schon, wenn seine Lyrik ein paar Leute begeistern würde, die sie noch nicht kennen.

Der allerschönste Satz auf der Platte steht ganz am Schluss: „I wear nie in mein Lebm ins Paradies kumma“.

Ja, das ist wunderbar doppelbödig. Es erinnert ein bisschen an Hank Williams und seinen Song „I’ll Never Get Out of This World Alive“. Das ist deswegen am Schluss, weil es so schön ist.

Das Album kreist um die letzten Dinge, um Leben und Tod. Sie werden von dir aber mit einem gewissen Witz und einer Leichtigkeit besungen.

Richtig. Nur ja keine Schwere aufkommen lassen. Die Teilung zwischen dem Lächerlichen und dem Erhabenen ist verboten. Das gehört zusammen. Man muss das Lächerliche im Erhabenen suchen, und das Erhabene im Lächerlichen. Leider stammt das nicht von mir, aber ich weiß auch nicht, von wem. Ich hätte das gerne so formuliert. Es geht um die letzten Dinge. Also unterm Strich ums Leben. Die Gewissheit des Todes wird im höheren Alter immer gewisser. Das soll uns aber nicht erschrecken, sondern dazu bringen, das Leben wirklich zu leben. Man soll sich nicht verzetteln oder monatelang über etwas ärgern. Wenn man mehr gutes Leben schafft, ist es besser. Das weiß der alte Mensch eher als der junge, der noch stärker ans Erwachsenwerden und ans Aufbauen denkt. Ich möchte heute nur noch etwas aufbauen, das mit Vertonungen und Auftritten zu tun hat.

Was bedeutet gutes Leben für dich?

Soweit es geht, gut aufgelegt zu sein und wach zu sein, für das, was auf der Welt passiert. Sich einmischen. Wenn irgendwas im Argen liegt, genügt es mir nicht zu sudern. Was kann man machen? Mit wem? Wie kann man etwas Untragbares ändern? Oftmals findet man auch keinen Zugang. Wahrscheinlich würde Bundeskanzler Kurz nicht zu mir kommen, damit ich ihm Geschichte beibringe. Ich glaube nicht, dass ihn das interessieren würde. Aber das ist auch nicht der Punkt. Ich will einen kleinen Beitrag leisten, dass es für die sozial Schwachen etwas besser wird. Das habe ich immer probiert.

Es heißt seit Jahren immer: Der Resetarits singt nur mehr das, was er will. Wie ist das zu verstehen?

Ich weiß inzwischen besser, was ich wirklich will. Aber nicht im rechnerischen Sinne. Wenn ich ein Lied vorgespielt bekomme und ein bisschen weinen muss oder lachen, dann verstehe ich ein Lied. Und dann darf ich es singen. Es geht um ein tiefes Verständnis, das sich nicht in Worte fassen lässt. Indem ich es singe, darf ich meine Begeisterung für ein Lied an das Publikum weitergeben. Das ist eigentlich meine Kernkompetenz.

Andere Texte auf der Platte, u.a. das Titellied, stammen von dem Schriftsteller und Trauerredner Walter Müller. Wie kam das?

Herbert Berger hat diesmal das meiste gemacht und die Texte vertont. Der kennt den Walter Müller. So hat sich das ergeben. Walter ist auch in der Palliativarbeit tätig. Menschen, die einen absehbaren Tod haben zum Beispiel wegen einer Krebserkrankung, wenden sich an ihn. Er begleitet sie auf dem Weg. Also nicht 24 Stunden 7 Tage, aber er besucht sie und es wird geredet. Das merkt man den Texten an, die er für uns geschrieben hat. Sie haben mich zutiefst berührt.

Musikalisch ist das Album sehr vielschichtig. Wie verlief die Produktion?

Sie war viel länger als sonst. Am Anfang stand „Elapetsch, Tod!“. Das ist musikalisch noch soulig. Weil wir viel Zeit gehabt haben, ist es diesmal immer mehr Richtung Kunstlied gegangen. Das sind die neueren Lieder. Die im Stubnblues-Sound mit Soul und Horns waren eher am Anfang der Produktion. Man kann diese Entwicklung hören, auch wenn sie am Album nicht chronologisch dargestellt ist.

Neben Studioaufnahmen sind auch Mitschnitten von Konzerten auf dem Album gelandet. Weil es keinen Unterschied macht?

Richtig. Es ist alles live aufgenommen. Einiges bei einem Konzert, Anderes im Studio. Man könnte natürlich auch so arbeiten, dass es einen schlauen Produzenten gibt, der alles weiß. In solchen Fällen muss man sich gar nicht treffen. Man schickt die Musik herum in der Welt. Schlagzeug spielt einer, der in Los Angeles sitzt. Das habe ich früher gemacht, das hat auch gepasst. Aber jetzt möchte ich, dass alle miteinander in einem Raum stehen, einander sehen können und gemeinsam musizieren. Weil wenn wir es jetzt noch nicht können, dann lernen wir es nicht mehr. Es hat so einfach mehr Leben.

Wie hast du die diversen Lockdowns verkraftet?

Ich kann auch Sachen hinnehmen, die ich nicht ändern kann. Lieber spare ich mir meine Kräfte für etwas, wo ich eingreifen kann. Lästig war, dass wir ständig Konzerte verschieben mussten. Kein Veranstalter kann es sich leisten, die Gelder vom Vorverkauf zurückzugeben. Wir haben also verschoben und dann haben wir wieder verschoben. Ich bin währenddessen auf der Bettbank herumgelegen und habe viel gelesen.

Aber sicher auch musiziert, oder?

Wann immer es ging. Ich war auf einer Kur im Schloss Drosendorf. Von meinem Fenster ging es ganz steil runter zur Thaya. Ich habe mit meiner Ukulele in die Luft hinaus Lieder gesungen. Als poetischen Akt, ohne Publikum. Oder fast: Zwei, drei Wanderer sind stehen geblieben und haben zugehört. Das waren meine Balkonkonzerte. Einen Fuß habe ich ein bisschen raushängen lassen. Die Kollegen, die mit mir dort auf Kur waren, haben sich gefürchtet, ich könnte runterfallen.

Was ist für die Tour geplant?

Wir wollen das Album als Ganzes präsentieren. Es werden auch Sachen zu hören sein, die in der Produktion passiert, aber nicht aufs Album gekommen sind. Und natürlich ältere Sachen. Momentan gefällt mir „De Dornen bleibm“ wieder sehr, unsere Version von „The Sharpest Thorn“, das Elvis Costello gemeinsam mit Allen Toussaint aufgenommen hat.

Sind es weniger Konzerte als vor Corona?

Ja, aber das fügt sich gut, weil ich nicht mehr so viel spielen kann. Ich brauche Pausen. Wir sind gut gebucht und gut besucht. Das war mir immer schon wichtig.

Ein voller Saal ist schöner als ein halb leerer.

Nicht nur das. Ich will vom Publikum leben und nicht von Subventionen. Die sind gut und wichtig, aber in anderen Bereichen der Kunst. Mein Musikantenstolz ist: Ich friste mein karges Leben mit dem Geld, das mir die ZuhörerInnen geben. Da fühle ich mich gut dabei, dass mir das seit Jahrzehnten gelingt.

Am 4. Oktober findet im Wiener Stadtsaal die Album-Präsentation statt, Folgetermine sind bis Dezember im Wiener Stadtsaal, im Cinema Paradiso Baden, im Alten Schlachthof Wels, in der SZENE Salzburg, im Treibhaus Innsbruck, im Wiener Globe und im Wiener Orpheum geplant. Tickets gibt es bei oeticket.com.