Willkommen am Grossstadtgflüster-Philosophen-Stammtisch!

Grossstadtgeflüster

Partymädel, Sozialkritikerin, Philosophin und Freundin zum Pferdestehlen: Jen Bender von Großstadtgeflüster hat viele Seiten.

Foto: Christoph Mangler

Im !ticket-Interview spricht Jen Bender über
Wien, derbe Texte, Verweigerung als Revolution und
wie eine Grossstadtgeflüster-Partei aussehen würde.   

Von der Fickt-euch-Allee ins Philosophen-Zimmer und wieder zurück: Wenn man mit Jen von Grossstadtgeflüster ein Interview führt, bekommt man das, was man erwartet. Und gleichzeitig so gar nicht, was man zu erwarten glaubte. Da ist einerseits diese entwaffnende, liebevolle und durch und durch unprätentiöse Authentizität, das viele Lachen, das Einfach-Drauf-Los-Quatschen, das Jen nicht nur in ihren Songs und auf der Bühne seit Jahren unter Beweis stellt und sie zur vielleicht aktuell passendsten, weil eben lebensechten, Vertreterin einer Fickt-euch-wir-wollen-eine-bessere-Zukunft-wissen-aber-nicht-genau-wie-Generation macht, sondern die auch ein Gespräch mit ihr dominieren. Wie mit einer guten Freundin, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, wird gemeckert, gekleckst, laut gelacht statt geflüstert (Wortwitz, haha!), aus dem Nähkästchen erzählt – und ganz viel reflektiert und philosophiert. Und hier sind wir beim vielleicht überraschendsten Aspekt eines Grossstadtgeflüster-Interviews: Jen, die waschechte Berlinerin mit herber Schnauze und einen (etwas unfair unterstellten) Hang zum Prollig-Sein, die offen zu ihrem Marihuana-Konsum steht, endorphingeschwängerte Purzelbäume auf der Bühne hinlegt und von Glamour-Stil wenig, vom stolz in die Höhe gestreckten Stinkefinger dafür umso mehr hält, entpuppt sich als kleine Philosophin. Nein: große Philosophin gar. Keck, rhetorisch zum Niederknien und mit einer Schnelligkeit, die einem selbst nach Luft schnappen lässt (was Jen selten zu tun scheint), haut die 39-Jährige Gesellschaftskritik, Lebenser- und bekenntnisse und, ja, philosophische Weisheiten im scheinbaren Sekundentakt raus, sodass man sich mitunter schwertut, in ihr die „Feierabend“- und „Fickt-euch-Allee“-Göre zu erkennen. Bis einem selbst klar wird: Je rotzfrecher, kantiger und pubertärer das Cover, desto klüger, tiefgreifender und reflektierter der Inhalt. Jen Bender provoziert unterhaltsam und erklärt dabei dem guten Geschmack und gesellschaftlichen Konsens den Irrwitz-Krieg. Konfetti und Yeah!

Vom Wiener zur Berlinerin: Was hältst du denn von Wien?

Das klingt jetzt sehr professionell abgespeckt, aber ich meine es ernst: Ich liebe Wien! Ich finde, dass es einige Parallelen gibt zwischen Wien und Berlin: Wien ist die elegante Diva, Berlin ist die ranzige, schlampige Diva (lacht)! Was die beiden Städte zudem verbindet, ist der Hang zur Morbidität, zur Dunkelheit – das spiegelt sich ja auch sehr gut im Humor wieder. Manchmal können beide Städte auch sehr unterkühlt sein: Man braucht ein bisschen, um anzukommen und angenommen zu werden, aber wenn man erst mal angenommen ist, dann ist es wahre Liebe!

Gibt es etwas, das Berlin von Wien lernen kann?

Ach, Berlin kann von sehr vielen Orten auf der Welt noch was lernen (lacht)! Zum Beispiel, wie man Flughäfen baut.

Und umgekehrt: Kann sich Wien etwas von Berlin abschauen?

Schwierig zu beantworten, denn so gut kenne ich Wien auch wieder nicht. Wenn man wo zu Besuch ist, sieht man ja auch immer vor allem die schönsten Seiten – beziehungsweise fallen sie einem viel mehr auf als in der eigenen Heimat. Ich finde es auch sinnvoller, dass man sich dort, wo man sich auskennt, bei der Kritik bei sich selbst anfängt – und nicht zu sagen: ‚Hey, ich kenne euch zwar nicht, aber macht bitte mal das oder jenes anders!’ Ich sehe auf jeden Fall sehr viele Dinge bei meinen Wien-Besuchen, die mich verzaubern. Zum Beispiel der Umgang mit Kunst und Kultur – und zwar die Unterhaltungs-, als auch die klassische Kunst betreffend. Auch, was den Umgang mit Museen, Ausstellungen, Förderungen von jungen Künstlern betrifft, passiert in Wien eine ganze Menge. Ich habe auch das Gefühl, dass das Provozieren und das Anecken, sprich: der Wiener Schmäh, auch in der Kunst und der Kultur sehr präsent ist. Das ist wohl auch der Grund, wieso Wiener Kunsthochschulen international so eine hohe Anerkennung genießen.

Schön.

Aber schauen wir mal: Vielleicht lebe ich ja irgendwann mal in Wien und da habe ich dann bestimmt ganz viel zu meckern (lacht)!

Welche österreichischen Künstler findest du denn besonders toll?

In meiner Playlist befinden sich viele neue, junge Künstler aus Österreich. Ich freue mich immer, wenn ich auf Festivals österreichische Künstler live erlebe und kennenlernen darf. Ansonsten mag ich die üblichen Verdächtigen: Bands wie Bilderbuch oder Wanda haben die österreichische Tür auch nach außen hin geöffnet. Auch Ludwig Hirsch finde ich klasse. Ich persönlich bin ja ein Freund von Morbidität und vom Dunklen, da passt der Herr Hirsch ganz gut! Sobald sich etwas vom dunklen Wiener Lied-Stil in Bands wiederspiegelt, springe ich darauf an. Und ach ja, die alten EAV-Sachen mag ich auch sehr gerne.

Kommen wir auf eure Kunst zu sprechen …

Nett, dass du das Kunst nennst!

Würdest du eure Songs nicht als solche bezeichnen?

Ich habe ja irgendwann mal ein künstlerisches Studium angefangen und erfolgreich abgebrochen. Der Anspruch, Künstler zu sein, habe ich während dieses Studiums abgelegt. Es ist ja ohnehin die große Frage: Was ist Kunst? Wir machen Musik, vor allem deswegen, um uns selbst zu unterhalten. Das ist großes Glück. Wir haben irgendwann entschieden: Unsere Band ist unser Spielplatz, und am Spielplatz muss man in erster Linie Spaß und Freude haben. Natürlich spiegelt die Freude die behandelten Themen und den Umgang mit Themen wieder, bis zum gewissen Grad auch den Zeitgeist. Spätestens dann kann man vielleicht auch von sowas wie Kunst reden, irgendwie.

Auffällig ist: Zahlreiche Journalisten brechen sich regelrecht einen ab, um eure Texte detailreich zu analysieren. Wollt ihr das überhaupt? Oder wäre euch lieber, man würde eure Songs und Texte einfach so für sich stehen lassen, völlig ohne Interpretationen?

Ich finde das super. Das ist ja auch ein toller Spiegel, den wir dadurch vorgehalten bekommen. Natürlich haben wir plakative Punchlines, glaube ich zumindest, aber wir lassen so manches offen, lassen es zwischen den Zeilen stehen. Eine Metapher hier, ein bisschen Um-die-Ecke-Gedacht da. Das ist durchaus beabsichtigt, denn ich möchte meine Ansicht und meine Meinung niemanden aufs Brot schmieren. Vielmehr geht es mir darum, meine Gedankengänge aufzuzeigen. Ich weiß auch überhaupt nicht, ob ich auf das behandelte Thema überhaupt eine Antwort hab (lacht)! Aber wenn du Bock hast, mitzudenken, dann bitte: Du bist willkommen an unserem Philosophen-Stammtisch!

Dort ist es sicherlich nicht langweilig.

Natürlich ist es manchmal auch sehr lustig, wenn Leute etwas in unsere Texte reininterpretieren, an das ich überhaupt nicht gedacht habe. Ich merke dann aber, wenn ich mal aus meiner Ich-Perspektive rauskrieche, dass diese Interpretation gar nicht so abwegig ist. Manchmal ist es aber auch einfach nur bescheuert (lacht laut)! Allgemein ist es ja der Auftrag der darstellenden Künste in jeder Form, dass man eher ein Abbild von Gedankengängen darstellt anstatt Meinungsbildner ist.

Eure Texte werden großteils als sehr revolutionär empfunden. Seht ihr das eigentlich selbst auch so?

Wir sind erstmal, was und wer wir sind. Wir nehmen unsere und die allgemeine Unzufriedenheit aufs Korn, aber dieses Korn hat einen wahren Kern. Privat sind wir allesamt Anfechter von Veränderungen. Es gehört zur Menschheitsgeschichte dazu, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich versammeln und den aktuellen, nicht zufriedenstellenden Ist-Zustand anprangern und verdeutlichen, dass da noch deutlich Luft nach oben ist. Dass wir imstande dazu sind, Menschen versammeln zu können, die gemeinsam eine Kraft sein können, das freut mich sehr. Es ist absolut okay, wenn Leute auf ein Konzert gehen und sich vom ganzen Scheiß rundherum auch mal ablenken und ‚atemlos durch die Nacht’ tanzen wollen. Aber wir als Band stehen für das Bedürfnis und die Intention, etwas erschaffen und verändern, zum Hinterfragen aufrufen zu wollen. Natürlich gehören da auch Kernemotionen wie Empörung dazu. Das macht mich als Mensch schließlich aus – und als Berlinerin: Ich kann mich wahnsinnig schnell wahnsinnig intensiv empören. Empörung ist ein Teil der Revolution.

Genauso wie Verweigerung? Denn Verweigerungs-Parolen kommen immer wieder in euren Songs vor. Lässt sich das mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen wie Klimawandel, rechtspopulistische Politik, etc. überhaupt vereinbaren?

Die Erkenntnis, dass etwas passieren muss, resultiert aus Verweigerung. Wenn man sich nicht verweigern und stattdessen die großkapitalistischen, lobbyistischen Regeln mitspielen würde, dann geht unser Planet zugrunde. Verweigerung fängt im Kleinen an: Ich verweigere mich, Plastikflaschen zu kaufen, obwohl ihr mir die überall vor die Nase knallt! Ich verweigere mich, eure Scheiß-SUVs toll zu finden. Hinter jedem Aufstand steckt eine Verweigerungshaltung. Wenn es die nicht gebe, gebe es Stillstand. Spätestens beim Thema Umwelt wird klar, dass Stillstand auch zu Zerstörung führt.

Du klingst beinahe wie eine Philosophin.

Ich interessiere mich tatsächlich sehr für Philosophie. Ich bin ganz klar ein Kopf-Mensch, genauso wie Raphael und Chriz. Mir macht es unfassbar viel Freude, gemeinsam mit Menschen zu denken und diese Gedankengänge zu verbalisieren. Irgendwann habe ich zudem angefangen, mich mit den alten Griechen und den neuen Franzosen und den ganz neuen Amerikanern zu beschäftigen. Dem Gedanken Raum zu geben und auch abstrakt zu denken ist etwas, das mir viel gibt und Spaß macht. Trotzdem möchte ich sagen, ohne es zu verurteilen: In der Kunst ist sehr viel immer sehr ernst. Die haben alle so wenig Spaß (lacht laut)! Mein Leben ist mir zu kurz, um alles bierernst zu nehmen, auch mich selbst. Die Realität holt einem sowieso ein und in diesen Momenten ist das Leben mit einem Lächeln und einem Schulterzucken viel lebenswerter. Und für mich persönlich auch konstruktiver. Künstler denken ja oft, sie würden die Anti-Atombombe erfinden. Nein, tun wir nicht: Wir malen Bilder oder schreiben Lieder. Da muss man schon mal schön auf dem Teppich bleiben.

Der Maler und Künstler Hermann Nitsch meinte in einem Interview zu mir, dass er vom eigenen Familien- und Freundeskreis am wenigsten Anerkennung bekommt. Wie gehen eure Familien mit euren manchmal sehr derben Texten um?

(lacht) Das ist bei Raphael besonders spannend, denn seine Mama ist Kultur-Journalistin und spezialisiert auf Oper, und sein Papa war Professor für Neue und Alte Musik an der Musikhochschule Bremen. Das ist manchmal schon lustig. Sie sind stolz, dass Raphael trotz aller Widerstände den unsicheren Popmusik-Weg gegangen ist. Wenn sie unsere Songs hören, bekommt unsere Arbeit etwas sehr Erhabenes, Analytisches, weil sie unsere Texte sehr genau reflektieren und sich damit auseinandersetzen. Wir denken dann: ‚Wir haben doch nur Bumm und Tschack und Olé, Olé! gemacht!’, aber seine Eltern nehmen die Lyrics mit sehr viel Respekt und vor allem wohlwollend detailgenau auseinander. Aber wir bekommen in unserem familiären Umfeld auch manchmal zu hören: ‚Toll, das ist auf den Punkt gebracht, seid voll ihr – aber das Ganze ist auch etwas asozial!’ (lacht laut)

Oha!

Nein, wir bekommen schon sehr viel Respekt aus unserem Umfeld, schon allein deshalb, weil wir uns nicht in die Suppe spucken lassen und unser Ding durchziehen. Bei uns geht’s überhaupt nicht darum, möglichst erfolgreich zu sein, sondern vielmehr darum, eine möglichst gute Zeit zu haben. Deshalb werden uns bestimmte Lyrics auch nicht so schnell übelgenommen (lacht).

Wollten euch Personen aus der Musikindustrie schon mal reinreden und euch verändern?

Klar, ständig. Wir machen das ja schon ein Weilchen und haben aus diversen Zusammenarbeiten gelernt, weshalb wir mit bestimmten Institutionen auch nichts mehr zu tun haben wollen. Schon alleine die Diskussionen sind oftmals so albern, dass es weh tut. Es wird generell, das ist bis heute so, wahnsinnig viel gelabert, das ist oft sehr anstrengend. Manchmal stehe ich vor so wahnsinnig schlauen Menschen, die irgendwas von Marktanalyse palavern – und bei mir fangen schon die Vöglein im Kopf zu zwitschern an (lacht laut)! Ich persönlich finde so etwas Nonsens und Bullshit, aber man lernt mit der Zeit, über solchen Dingen zu stehen. Was aber nicht bedeutet, dass man nicht auch mal sehr gute Tipps bekommt. Ein Musiker-Kollege zum Beispiel hat mich mal dafür kritisiert, wieso ich mich auf Fotos immer im Hintergrund verstecke. Bis dahin ist mir das nie aufgefallen, denn ich bin keine, die auf eine Party kommt und schreit: ‚Hey Leute, hier bin ich, guckt alle auf mich!’ Ich bin ja in Wirklichkeit sehr kamerascheu. Seit diesem Ratschlag weiß ich aber, dass es okay ist, für sich selbst einzustehen.

Ihr habt seit langer Zeit wiedermal ein Album rausgebracht. Ist dieses Konzept im Streaming-Zeitalter nicht ein veraltetes, gar eine aussterbende Kunstform?

Es ist sowohl eine aussterbende als auch eine sich-gesund-schrumpfende Kunstform. Alben sind ja Liebhaber-Produkte. Ich finde es toll, wenn man ein ganzes Spektrum eines Künstlers serviert bekommt und man sich seine persönlichen Favourites rauspicken kann. Dass wir ein Album rausgebracht haben, ist übrigens erneut Teil unserer Verweigerungs-Haltung. Wir haben ausschließlich EPs rausgebracht zu einer Zeit, als alle noch gesagt haben, dass nur ein Album das einzig Wahre sei. Das war uns egal, wir wollten es spontan, kurz und knackig haben. Hatten wir eine Idee, sollte die auch raus. Als dann alle meinten, EPs würden super laufen, wollten wir ein Album machen, auch deshalb, weil wir schon eine Menge guter Songs im Petto hatten. Als uns davon abgeraten wurde, hatten wir erst recht Bock, eins zu machen (lacht)!

Geht’s so weiter?

Wissen wir noch nicht. Vielleicht bringen wir nur noch einzelne Tracks raus, vielleicht wieder eine LP, vielleicht ein Dreifach-Album. Das kommt auf unseren Output und unser Bedürfnis drauf an.

In eurem Song „2080“ geht es um eure Version einer utopischen Zukunft. Erklär bitte mal kurz, wie eine Utopie á la Großstadtgeflüster aussehen soll.

Genauso, wie wir es im Song beschreiben (lacht)! Wir wollen zwischendurch mal nicht meckern – also haben wir eine Utopie aufgezogen. Wir wissen, dass unsere Beschreibungen realitätsfern sind, aber im Kern wollen wir ausdrücken: Die Hoffnung stirbt zuletzt! Irgendwie hat der Mensch ja doch etwas Liebenswertes – das sage ich trotz aller Misanthropie, die ich in mir trage, auch mir selbst gegenüber, denn ich bin ja auch ein Mensch. Jeder, der über ‚die Gesellschaft’ schimpft, klammert sich selbst dabei aus. Das mag zwar ein total naiver Hippie-Gedanke sein, aber wichtig ist, sich zu überlegen: In was für einer Welt möchte ich leben? Wie möchte ich von Menschen behandelt werden? Ich persönlich freu mich immer, wenn man einfach lieb zu mir ist (lacht). Fangen wir doch einfach mal damit an, lieb zueinander zu sein. Meine Utopie ist eine verhältnismäßig chillige Utopie. Weg vom Gehetzten, hin zur Entschleunigung. Dieses Zielorientierte führt letztlich dazu, am Ziel vorbeizurennen. Wir müssen die eigene Perspektive erweitern und unsere Empathie schulen. Wenn man Menschen mit anderer Meinung oder einer anderen Einstellung zu Gut und Böse entmenschlicht, führt das doch nur dazu, dass wir uns alle gegenseitig immer mehr und heftiger auf die Mütze hauen. Meine Utopie wäre: Die schlimmste Nachrichtenmeldung ist, dass sich ein Habicht im Wald verirrt hat.

Diese Vorstellung von Utopie ist wohl auch ein Grund, wieso ihr so viele Fans in der queeren Community habt.

Generell freut es mich wahnsinnig, dass in den letzten Jahren unser Publikum immer größer geworden ist. Konzerte, auch unsere, bieten geschützte Räume. Und in diesem Räumen ist Homophobie, struktureller Rassismus oder Sexismus kein Thema! Man muss es doch irgendwie schaffen, die Grenzen dieser geschützten Räume immer mehr zu erweitern, und sei es in kleinen Schritten. Ich habe nie verstanden, dass man überhaupt darüber redet und diskutiert und es als auffällig gesehen wird, wenn ein Mensch einen anderen Menschen liebt oder sich zu ihm körperlich hingezogen fühlt. Am Ende des Tages trifft halt nicht die Eizelle und der Samen aufeinander – so what?! Unser Bild von Familie ist unser westlichen, angeblich so fortgeschrittenen Welt sehr rückständig und veraltet. Alles, was nicht hetero-cis-weiß ist, wird ausgegrenzt und vielleicht sogar als ‚heilbar’ angesehen. Was soll der Scheiß?! Da werde ich stinksauer, todtraurig und schüttele den Kopf, weil ich mich frage: Wo leben wir? Ich möchte mir nicht vorher überlegen müssen, in wen ich mich verlieben will.

In Österreich ist es gerade modern und angesagt, kleine Mini-Parteien zu gründen. Wie würde eine Grossstadtgeflüster-Partei aussehen? Würdet ihr euch genau für solche Themen einsetzen?

Genau. Mir wäre es sehr wichtig, dass es eine diverse Partei ist, auch wenn das wahrscheinlich zu wahnsinnig vielen Diskussionen und Arbeitskreisen führen würde (lacht). Ob ich selbst im Vordergrund als Redenschwinger stehen würde, weiß ich nicht. Mir wäre es wichtig, dass alle Menschen, die in irgendeiner Form von Diskriminierung betroffen sind, Teil meiner Partei wären. Und eine Stimme bekommen. Ich finde es toll, wie viele aktionistische junge Menschen es aktuell gibt und die sich für diese Themen nicht nur einsetzen, sondern dafür auch laut werden.

Du wärst eine gute Politikerin.

(lacht) Dann dürften aber keine Termine vor 15 Uhr stattfinden.

Apropos: Ihr seid dafür bekannt, auf der Bühne ordentlich Gas zu geben und man hört öfter, euer Sound sei vergleichbar mit der Stimmung in Berlin um 5 Uhr. Wo findet man euch tatsächlich sonntags um 5 Uhr morgens?

Ganz ehrlich? Vor 10 oder 20 Jahren war ich öfter drei Tage am Stück wach als heute (lacht). Der Körper macht das nicht mehr mit. Aber manchmal kommt ein Kater schon noch vor – und auch gerne! Dieses Loslassen, Eintauchen, Mitreißen-Lassen ist etwas Wunderbares. Konzerte und Kneippen sind mir mittlerweile übrigens viel lieber als Techno-Clubs. Mit den richtigen Leuten kann ich die ganze Nacht in Kneippen rumhängen. Da werde ich zeitlos.

Am 7., 8. und 9. Mai führt die Fickt-euch-Allee bis nach Linz, Wien und Graz. (Park)tickets gibt es auf oeticket.com.

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