Wohnzimmerkonzerte

Jahresrueckblick

Nachdem wir nun alle so weit als möglich zuhause bleiben müssen, holen wir uns die Livemusik ins Wohnzimmer: Zahlreiche Künstler spielen Geisterkonzerte für uns daheim!

Jahresrueckblick

Selbst die Big-Brother-Bewohner und Jared Leto haben die Situation mittlerweile erkannt: „Sag alles ab“, sangen Tocotronic auf „Kapitulation“ im Jahre 2007 – dreizehn Jahre später ist es traurige Tatsache, denn aufgrund der rasanten Ausbreitung des Corona-Virus werden mittlerweile nicht nur in ganz Europa, sondern weltweit Tourneen abgesagt. Dabei ist die Pandemie nicht nur ein kolossaler Betriebsunfall, ein Super-Gau für das Business und demnach auch ein herber finanzieller Verlust für die Künstler und all jene, die sonst am Gelingen eines Konzertes tätig waren – Booker, Promoter, Location-Besitzer, Licht- und Tontechniker, Sicherheitspersonal, Caterer, Barpersonal, etcetera -, sondern natürlich auch für Max Mustermann und für Ottilie Normal, die Konzertbesucher beiderlei Geschlechts. Wie sehr die sogenannte „Unterhaltungsbranche“ unser Leben seitdem wir denken können schöner macht, merken wir jetzt schmerzlich, da sie gerade eben nicht unterhält – und zwar weder auf der Konzertbühne, noch im Theater, noch im Kabarett, oder im Museum und im Kino. Ja, viele müssen – freilich neben den Streamingdiensten, die aktuell heißlaufen – auf die älteste, aber auch einsamste Form des kulturellen Eskapismus zurückgreifen, auf das Buch.

Der Eskapismus

Lesen ist natürlich per se nicht übel. Und ja, „das Bisschen Verzicht“ ist ein Erste-Welt-Problem, ein Luxus-Dilemma und tut letztlich sogar vielleicht der Leber verdammt gut. Viele Menschen haben zudem zur Zeit andere Sorgen als Konzertabsagen, die zumeist nicht einmal Absagen sind: Ein überwiegendes Gros der Touren soll bereits im Herbst, ansonsten im Folgejahr nachgeholt werden. Ihre Sorgen sind meist dringlicher Natur, angefangen von der eigenen Gesundheit oder ihres Umfelds über die finanzielle Absicherung in dieser schweren Zeit bis hin zum Klopapier- und Teigwaren-Lager daheim. Und vielleicht gibt es auch einige Menschen, die froh sind, endlich einmal nichts tun zu müssen, niemanden treffen dürfen – und in ihre eigenen Träumereien flüchten.

Auch in der berühmten Tragödie „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller laboriert die titelgebende Hauptfigur Willy Loman am Alltag – und flüchtet sich in Träumereien. Nun gilt aber auch die Musik gemeinhin oft als Realitätsflucht: Nach dem Philosophen und Musikästhetiker Andreas Dorschel wurde seit den 1790er Jahren die klassische Musik zu einem bevorzugten Medium des Eskapismus in Europa.

Die Weiterungen dieses romantischen Paradigmas reichen, meist in entdifferenzierter Form, bis in die Popmusik des 20. und 21. Jahrhunderts. Eskapismus wird in diesem Zusammenhang oft mit Aufsässigkeit kontrastiert. Der amerikanische Musikwissenschaftler Robert Walser betont demgegenüber die zugrundeliegende Gemeinsamkeit: „Rebellion und Eskapismus sind immer Bewegungen von etwas fort, auf etwas anderes hin.“ Positiv formuliert – allein, um die alltägliche Realität nicht allein als negativen Trott zu werten – könnte man auch sagen: Musik schafft – wie viele andere Hobbys auch: Golf, Kochkurse, Yoga, Mandalas – Abwechslung im Leben, sie ist Ventil und Erdung zugleich. Viel mehr noch, wenn die Musik mit einem weiteren Eskapismus in Einklang gebracht wird, dem Reisen – so wie ich das seit Jahren auf meinen Eskapaden durch die Weltgeschichte genüsslich zelebriere: Kaum ein Abend, der Zuhause verbracht wird, kaum ein Wochenende, an dem man nicht ins nahe oder ferne Ausland reist, um einem Festival oder einem Konzert beizuwohnen. Das ist nun alles – vorerst – um es erneut mit Tocotronic zu sagen: Abgesagt. Und das ist, verzeihen Sie den Ausdruck, ziemlich scheiße. Glücklicherweise können auch zahlreiche Kunsttreibende nicht ruhig sitzen bleiben und haben sich entschlossen, Geisterkonzerte – zumeist ebenfalls von ihrem Wohnzimmer aus – zu spielen und mit der Welt zu teilen.

Wohnzimmerkonzerte

Aktuell sind die Tage, an denen man wieder auf ein Konzert gehen darf – zumal auch ohne gesundheitliche Bedenken – beinahe eine Utopie, eine ferne Hoffnung. Da reichen, neben zahlreichen Musikdokumentationen und Konzertfilmen, die etwa auf Netflix und Amazon Prime gelistet sind – viele Künstler den rettenden Strohhalm: James Blunt trat in der Hamburger Elbphilharmonie ohne Publikum, aber vor Kameras für den Stream auf. Chris Martin spielte einige Songs seiner Band Coldplay im Heimstudio und unterhielt sich mit seinen Fans, John Legend spielte seiner Frau im Bademantel was vor. Die isländischen Black Metaller Misþyrming zelebrierten nach Tourabbruch letzten Sonntag in Tallin eine Stunde lang ihr Inferno. Gestern laß Bela B von den Ärzten abends live auf Instagram aus seinem Debütroman „Scharnow“, und auch die nächsten Tage und Wochen werden wir wohl unterhalten werden. Wir werden an dieser Stelle also, sobald wir davon erfahren, relevante Konzerttermine für die Couch listen – ein regelmäßiges Vorbeischauen sollte sich also lohnen!

Mal Élevé ist ein Künstler mit politischen Idealen, er steht für eine Welt ohne Grenzen, Rassismus und Ausbeutung ein – und das mit einer fesselnden Musik, die zwischen Reggae, Dancehall und Rap changiert. Statt der Release-Party zum Album „Résistance mondiale“ gibt es am 20. März um 19 Uhr einen Live-Stream auf YouTube

Am 20. März gibt Ina Regen um 20 Uhr ein „Candlelight Concert“ in ihrem – und eurem – Wohnzimmer (beziehungsweise auf ihrer Facebook-Seite). Wer mag, macht sich eine gute Flasche Rotwein auf und lädt sich den Lieblingsmenschen gleich dazu ein – virtuell und digital versteht sich.

Am 20. März um 20 Uhr spielen die irischen Schwergewichte Elder Druid ihr komplettes aktuelles Album „Golgotha“ live aus ihrem Proberaum in Belfast. Gleichzeitig kann man sich mit dem aktuellsten Merch der Band eindecken: Bandcamp verzichten morgen auf seine Gebühren.

Auch Der Nino aus Wien und Moll bleiben zuhause und spielen am 20. März ab 20 Uhr jeweils ein exklusives Live-Wohnzimmer-Set auf dem YouTube-Kanal von Problembär Records. Details gibt es in der Facebook-Veranstaltung.

Am 20. März um 20 Uhr werden Sleep Token online in ihr Debütalbum „Sundowning“ „eintauchen“. Das kann bei den maskierten Runengestalten zu einem herausragenden Erlebnis werden, denn „Sundowning“ ist ein Album geworden, das tief in die Seele vordringt. Hauptgrund hierfür ist die Stimme von Sänger Vessel, die irgendwo zwischen Tom Yorke (Radiohead) und Jón Þór Birgisson (Sigur Rós) pendelt.

Laut wird es am Samstag, den 21. März bereits schon um die Mittagszeit herum: Die schwedischen Black Metaller Necrophobic spielen ein komplettes Konzert in Quarantäne, und verkaufen gleichzeitig ein spezielles Shirt in ihrem Webshop. Details findet man auf Facebook.

Etwas später am 21. März, nämlich ab 20:30 geben die Berliner Retro Rocker Kadavar ein Livekonzert auf Facebook – zwar nicht so schön, wie gerade in Down Under zu touren, aber immerhin können wir alle nun dabei sein. Laufende Infos gibt es auf Facebook.

Am 20. März erschien das neue Album von The Wild!, „Still Believe In Rock And Roll“, wie viele andere Bands wollten auch The Wild! das Album natürlich auch betouren. Da das aber momentan unmöglich ist, spielen die Kanadier in ihrer Heimatstadt Vancouver am Samstag, den 21. März um 21 Uhr ein komplettes Konzert und streamen es via Facebook.

Am 22. März gibt es von zahlreichen österreichischen und deutschen KünstlerInnen von Mathea über Max Giesinger bis hin zu Johannes Oerding auf deren Instagram-Kanälen gleich ein ganzes Festival für Zuhause.

Nicht unbedingt Live-Konzerte, aber eine Menge musikalischer Gäste sind in den nächsten Tagen auch auf Charli XCX’s Instagram-Kanal zu sehen. Bei ihren „Self-Isolated-Livestreams“ sind Gäste wie (gestern) Christine and the Queens, Diplo (heute), Rita Ora, Kim Petras und Clairo demnächst zu Gast, um „Work-Outs“, „Art Classes“ und vieles mehr zu präsentieren.

Wann genau er spielen wird, hat Exzentriker Neil Young noch nicht verraten, dafür aber, dass er gleich mehrere Konzerte „akustisch und vorm Kamin“ spielen wird – es empfiehlt sich, ihn bei Twitter zu abonnieren, andere Social-Media-Kanäle schmäht er. „Es wird eine reduzierte, heimelige Produktion werden, ein paar Songs, ein bisschen Zeit gemeinsam verbringen.“

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